Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
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2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
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POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

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Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 

Japan digital - die alternative Moderne?

Über das japanische „Zwischen-Ich“ als „Du von Du“
und die Digitalisierung der Gesellschaft im Zeitalter des globalen Konsumismus

2026

Wie kommen Japaner, deren Identität die Soziologen und Philosophen als eine Besondere beschrieben haben, mit der Digitalisierung zurecht? Der Journalist Lorenz Stucki gab seinem Japan-Buch 1978 den Untertitel „Die alternative Art, modern zu sein“. Willem Spelten nennt das in seinem Bericht über sein Leben in „Verborgenes Japan“ einen großen Irrtum.

Japan gilt in vielen Bereichen als sehr modern, (Robotik, Halbleiter, Präzisionsmaschinen), gleichzeitig gibt es in der Alltagskultur eine Vielzahl von Gebräuchen und auch Gegenständen aus vormodernen Zeiten. Trotz aller Digitalisierung werden offizielle Schreiben mit handgeschnitzten Holz-Stempeln gesiegelt, die dann per Fax versendet werden. Die japanische Gesellschaft legt in der Erziehung wenig Wert auf Kreativität und Individualität, dagegen großen Wert auf Traditionen, auf Anpassung an Bräuche, auf Formalitäten.

Europäische Beobachter fragen immer wieder irritiert, was es bedeutet, dass Homogenität und Harmonie auch im kulturellen Gefüge der modernen japanischen Gesellschaft eine deutlich größere Bedeutung haben als im „modernen“ Europa. Japanische Philosophen und Psychologen beschreiben das Selbstverständnis der Japaner mit dem Begriff des „Zwischen“ anstelle des (ptolemäischen) Bildes vom autonomen Ich. Diese japanische Tradition prägt die „Modernisierung“ Japans, sowohl die schulische Bildung wie die Industrie-Kultur. Kann dort die Zukunft studiert werden? Was bedeutet das japanische „Zwischen-Ich“ als „Du von Du“ für die digitale Gesellschaft?

Harmonie, Uniformität und Tradition - Alltag in Japan

Die japanische Alltagskultur sieht für europäische Augen eher konservativ und traditionsgebunden aus, nicht einer modernen digitalisierten Lebenswelt angepasst. Home-Office ist schon wegen der kleinen Wohnungen schwer möglich. Das Leben der berufstätigen Männer findet gemeinsam im Büro statt. Besondere Farbtupfer im öffentlichen Leben gibt es nur ausnahmsweise, insbesondere nachmittags mit dem nostalgisch traditionellen Kimono für das Foto-Shooting.

Auch die Schülerinnen erscheinen uniformiert, meist in schwarz – eine blonde Strähne kann zum Schulverweis führen. Schulumformen sind an Privatschulen und an Oberschulen vorgeschrieben. Wenn sich Schüler auf der Straße schlecht benehmen, blamieren sie ihre Schule - jedermann erkennt an der Unform, zu welcher Schule sie gehören. Kaugummis sind auch zwischen Haustür und Schultür verboten. Make-Up ist verboten. In Bussen und Bahnen sollten SchülerInnen sich niemals setzen. Die glänzend schwarzen Schuhe werden vor dem Klassenzimmer ausgezogen. Nach dem Unterricht reinigen die Schüler noch ihren Klassenraum. Danach gibt es Clubaktivitäten und vor allem Nachhilfe, Klavier- und Ballettunterricht. 

Disziplin gilt als Schlüssel zum Erfolg. Universitäten verlangen Zulassungstests, die einen enormen Druck ausüben und einen rigiden Lernplan zu erzwingen scheint. Eltern geben einen erheblichen Teil ihres Einkommens für die außerschulische Förderung ihrer Kinder aus.

Die digitale japanische Gesellschaft ist weit entfernt von einer Gleichberechtigung der Frauen. Auf den Universitäten sind noch knapp die Hälfte der Studierenden Frauen, aber vor der Geburt des ersten Kindes verschwinden sie aus dem Berufsleben. Die Berufstätigkeit von Müttern ist nicht gut angesehen, das gute Diplom brauchen die Studentin vor allem auf dem Heiratsmarkt. Die Männer geben sich patriarchalisch – im Haushalt herrschen oft die Frauen. Ein japanisches Sprichwort sagt: „Ein guter Mann ist gesund und abwesend". Männer dürfen oft erst abends in die kleinen Wohnungen kommen, sie sollen zu Hause nicht stören. Die Gehälter der Männer werden häufig von den Ehefrauen verwaltet – Unternehmen richten sich darauf ein und bieten an, das Gehalt gesplittet auf verschiedene Konten zu zahlen.

Das Büro ist für den japanischen Mann der Mittelpunkt des Lebens. Viele Männer bleiben das ganze Leben lang bei demselben Arbeitgeber, die Gemeinschaft am Arbeitsplatz ist eine erweiterte Familie. Ein Firmenwechsel könnte als Betrug an den bisherigen Kollegen verstanden werden. Auch in Büros werden Pantoffeln oder Sandalen getragen. Die Mitarbeiter in den Büros sitzen an langen Schreibtischen und oft über die normale Arbeitszeit hinaus - weil der Chef noch nicht gegangen ist oder weil sie Kollegen nicht allein lassen wollen, oder weil sie zuhause nicht vor acht Uhr auftauchen dürfen. Da spielen auch die Überstundenzuschläge eine Rolle – morgens wird manchmal gebummelt, um abends das Pensum zu schaffen. Die meisten Büros sind funktionale Räume, Teppichböden mit Flecken und Löchern und löchrige Bürostuhlpolster sind keine Ausnahme.

Die Regierung hat Maßnahmen gegen den Tod durch Überarbeitung (Karoshi) ergriffen. Schätzungen gehen von 20.000 Todesfällen im Jahr aus. Arbeitgeber müssen sicherstellen, dass Angestellte mindestens fünf volle Tage Urlaub im Jahr nehmen.

Auch die japanische Kommunikationskultur ist traditionsgebunden. Flache zweckdienliche Hierarchien sind ein Fremdkörper. Die Höflichkeit ist eine Kultur der freundlichen Distanz. Im Vordergrund stehen der Respekt und das Bemühen, das Gesicht zu wahren. Geschenke sind das Medium, durch das sich Menschen näherkommen. Geschenke beruhen auf Gegenseitigkeit und helfen, Beziehungen und Freundschaften zu entwickeln. Geschenke – meist etwas zu essen - müssen „angemessen" sein, werden „erwartet" und es gilt als unhöflich, solche Erwartungen nicht zu erfüllen.

Richtig spontan können Japaner im „Tokio Disneyland“ werden. Da zeigen sich Frauen mit Minimaus-Ohren und Männer mit Donald-Mützen, da genießen Japaner eine Konsum-Kultur der Niedlichkeit. Der andere Rahmen der Spontaneität heißt „Nomikai“. Arbeitskollegen gehen regelmäßig gemeinsam aus zum Kampfsaufen. Man bestellt Essen und Getränke in einer „Flatrate“. Wenn der Kellner zu „last Order" kommt, bestellt sich jeder noch mehrere Drinks für die letzte halbe Stunde. So höflich am Arbeitsplatz die Probleme beschwiegen werden, so offen wird beim Kampfsaufen über die Firma und die Kollegen anderer Abteilungen hergezogen. Wie kollektiv JapanerInnen empfinden und wie wenig individualistisch, zeigt sich aber auch an der Kultur des Trinkens. Beim gegenseitigen Zutrinken stärkt man das Gefühl der der Gemeinsamkeit. „Man vertieft die gefühlsmäßige Kommunikation, indem man sich gegenseitig die Trunkenheit bestätigt.“ Und das gibt die Chance, im geschützten Raum sich den gegenseitigen Groll von der Seele redet, wobei man sich „unter dem Vorwand von Alkohol gegenseitig verzeiht“ (Keigo Okonogi).

In Europa gibt es viele Bücher über „Ikigai" (Lebenssinn), über die angeblich japanische Philosophie des glücklichen Lebens. In Japan ist „Ikigai" keine glückstiftende Philosophie. Wesentlich für den Lebenssinn in Japan die die Beziehung des Einzelnen zur Gruppe, also Zugehörigkeit und die Anerkennung in der Gemeinschaft, sich gebraucht fühlen. Das ist letztlich der Geist des Traditionalismus. Zu diesem Gemeinschaftssinn gehört der Sinn für Hierarchie. Es gibt besondere Sprachformen, in denen dieser Respekt gegenüber Vorgesetzten, älteren Menschen oder Kunden angemessen ausgedrückt wird, da sagt man nicht „Mach bitte dies und das", wie Spelten sehr anschaulich erklärt, sondern: „Ich weiß Du bist sehr beschäftigt und es tut mir leid, dass ich Dich in Deinem stressigen Alltag stören muss. Es würde mich sehr freuen, wenn du mich vielleicht unterstützen könntest, indem du bei Gelegenheit dieses oder jenes erledigen könntest. Dankeschön und bitte entschuldige die Störung."

Wie vordergründig diese Höflichkeit sein kann, zeigt sich beim Umgang mit älteren Menschen. Auch Achtzigjährige müssen oft ihre schmale Rente durch tägliche Arbeit aufbessern. Sie übernehmen Arbeiten mit symbolisch schlechter Bezahlung, mit der sie ihre Einsamkeit vertreiben können – als Helfer in einem Museum oder als Aufpasser bei einer Straßenbaustelle. Die Achtung vor dem Alter bedeutet nicht, dass sie einen Anspruch auf eine auskömmliche Rente haben.

Das Glück scheinen viele Japaner auch weniger in der philosophischen Versenkung als im „Pachinko“ zu suchen, dem Glücksspiel, das es offiziell nicht geben darf. Unglaublicher Lärm kommt aus den Pachinko-Spielhallen, die es überall in der Stadt gibt. In den Glücksspielautomaten schießen kleine Metallkugeln hin und her. Jede einzelne Maschine spuckt ununterbrochen Töne aus und blinkt. Das ergibt einen ohrenbetäubenden Lärm und eine vollkommene Reizüberflutung. Geschätzt dreißig Millionen Japaner geben sich dem Glücksspiel hin – obwohl Geld-Gewinne streng verboten sind. „Gewinne“ gibt es in Form von kleinen Gold-Barren, die um die Ecke beim darauf spezialisierten Goldhändler eingetauscht werden können. Ähnlich kreativ sind die Japaner mit dem käuflichen Sex. Der ist seit 1956 streng verboten. Also verabreden sich Mann und Frau zum Kuscheln gegen eine Summe Geldes, verlieben sich spontan und dann dürfen sie als Liebespaar alles tun, was Liebespaare so tun. Wenn sie im Nachhinein feststellen, dass die Liebe doch nicht so tief ist, trennen sie sich. Alles ganz legal. Welcher Gesetzgeber kann schon etwas dagegen haben... In diversen „Hostess“-Clubs kann man sich auch gegen entsprechendes Geld mit einer Frau verabreden, um jemanden zum Reden zu haben, jemanden, der Nähe, Aufmerksamkeit und Anerkennung schenkt. Das ist seit Jahrhunderten Teil der japanischen Kultur, schon im 18. Jahrhundert konnte man „Geishas“ mit weiß geschminktem Gesicht und knallroten Lippen zur Unterhaltung durch Tanz, Musik und Konversation mieten, das waren ausgebildete Künstlerinnen.

Es ist auffallend, wie wenig Wert Japaner auf eine teure Wohn-Umgebung legen (können). Das fängt an mit den Häusern - japanische Dörfer und Städte sind unansehnlich. Viele Häuser sind Gehäuse aus Sperrholz, mit Steinplatten oder Kacheln beklebt. Immobilien scheinen keine Wertanlage zu sein – was durch die Erdbeben-Häufigkeit erklärlich sein könnte. Bei Gebäuden herrscht geradezu eine Wegwerfmentalität. Da die Grundsteuern für unbebaute Grundstücke achtmal höher als für ein bebautes, bleiben manche Ruinen einfach stehen, bis sie verfallen. Städtebau als Gesamtkonzept scheint es nicht zu geben. Die Gebäude sind chaotisch und lieblos angeordnet. Wenn Japaner ein besonderes Wohn-Feeling erleben wollen, gehen sie ein Wochenende in ein Ryokan-Hotel. Das sind Wohlfühltempel japanischer Gastlichkeit und Kultur, in denen man es sich sehr gut geben lässt. Oder sie verbringen ein Wochenende auf einem der gut ausgestatteten Camping-Plätze mit einem feudalen „Snow Peak“-Zelt.  Nutzer sind insbesondere junge Familien mit mehreren Kindern oder Hundebesitzer, weil es dort freien Auslauf gibt. Natürlich kommen auch junge Paare, die bei ihren Eltern wohnen und keine eigene Wohnung haben. Das ist auch einer der Hintergründe der verbreiteten „Love Hotels“ – die Wohnverhältnisse sind so, dass auch verheiratete Paare diese Möglichkeit, einmal ohne Rücksichtnahme eine Nacht gemeinsam verbringen zu können, gern nutzen.

Das japanische „Amae“ oder die philosophische Wertschätzung des vorbürgerlichen Sozialcharakters

Im kulturellen japanischen Selbstverständnis werden viele der Traditionen philosophisch überhöht. So spielt Amae eine große Rolle. Amae ist die Substantivierung des Verbs „amaeru“ (sich anlehnen, auch im Sinne von „sich verwöhnen lassen"). Die Karriere dieses Begriffs geht auf den japanischen Psychoanalytiker Takeo Doi (1920-2009) zurück. Amae bedeutet wörtlich „Anlehnung“ und bezeichnet das Bedürfnis nach Geborgenheit in Abhängigkeit.

Japan1Takeo Doi sieht den Ursprung „Amae“ in dem Abhängigkeitsbedürfnis des Kindes gegenüber der Mutter. Mütter zeigen ein Höchstmaß an Nachsicht gegenüber dem Wunsch ihres  Kindes, sich ausleben zu können. Die Quelle des Selbstwertgefühls ist so die Erfahrung, dass man von jemandem mit all seinen Anlagen und Neigungen angenommen wird und sich bei ihm dank seiner Nachsichtigkeit wohl und frei fühlen kann. Die psychisch „gesunde“ und gesellschaftlich erwartete Selbständigkeit eines erwachsenen Menschen hat nach japanischer Auffassung eine Amae-Beziehung als Grundlage.

Das stärker ausgeprägte Anlehnungsbedürfnis „Amae“ bei Erwachsenen in der japanischen Kultur zeigt für Takeo Doi, dass in der japanische Alltagskultur das Bedürfnis nach persönlicher Unabhängigkeit und demonstrativer Freiheit kaum einen Stellenwert hat. Die Geborgenheit in der jeweiligen Gruppe (jap. uchi, etwa: innen) lebt von der Ausgrenzung gegenüber anderen Gruppen (jap. soto, etwa: Außen). Das geht so weit, dass Individuen, die außerhalb der eigenen Gruppe stehen, ignoriert werden.

Den entscheidenden soziopsychologischen Unterschied sieht Doi darin, „daß in der japanischen Gesellschaft allgemein gebilligt wird, den Wunsch nach Anlehnung auszudrücken“, während das „Postulat des Selbstvertrauens“ bzw. der „Geist des Sich-auf-sich-selbst-Verlassens“ in den ‚westlichen‘ Gesellschaften dazu diene, Gefühle der Hilflosigkeit und der Ohnmacht zu verleugnen.

„Daher kümmert sich die Firma in der Regel um die gesamte gesellschaftliche Existenz eines Betriebsangehörigen und übt Autorität über alle Bereiche seines Lebens aus; er ist in dieser Verbindung emotional fest verankert. (...) Es handelt sich dabei um eine so tief verwurzelte, urjapanische Einstellung (...) was aber diese Beziehung in Japan so anders macht, ist das überaus hohe Maß an emotionaler Beteiligung.“ (Nakane)

Eine soziale Schichtung, wie es in den westlichen Soziologiebüchern beschrieben wird, werden wir in der japanischen Realität und im Alltag nicht wiederfinden. In der dort aufzufindenden Gesellschaft kämpft nicht das Proletariat gegen die Bourgeoisie, wie es Marx erläutern würde, sondern Firma A gegen Firma B. Die Akteure stehen nicht in vertikaler Beziehung zueinander, sondern agieren wie eine „Ellenbogengesellschaft“. Sehr extrem formuliert: man überlebt in der Wildnis nur dann, wenn man selbst keine Scheu davor hat, über Leichen zu gehen. Ein Beispiel um die soziale Ordnung zu erfassen, welche die Autorin Nakane in ihrem Buch erwähnt, sind die Haushalte japanischer Dorfgemeinschaften. Alljährlich wird ein Register, genannt kotohyo, mit allen Haushalten des Dorfes von oben nach unten ihrer jeweilig internen Einteilung in mehrere Klassen nach ihrem Besitz, Einkommen und Erfolg bei Geldgeschäften aufgelistet. Konkurrenzverhalten wird im traditionsbewussten Japan groß geschrieben.

„Sie scheinen nur zufrieden zu sein, wenn alle das gleiche machen. Sie tun dies, weil ja keiner das Rennen verlieren oder den Anschluß (sic) verpassen darf. (...) Der Konkurrenzkampf, der offensichtlich die Unabhängigkeit und Isolation jeder Institution zur Folge hat, führt zugleich zur Etablierung einer hierarchischen Ordnung unter vergleichbaren Institutionen. Auf diese Weise bilden sie trotz ihrer gegenseitigen Feindschaft eine eigene soziale Welt, in die sie fest eingebunden sind.“ (Nikane)
Nach dem Abschluss seiner schulischen Ausbildung wird in den meisten Fällen der japanische Erwachsene in ein und derselben Gruppe oder Institution verbringen wo seine Freunde und Kameraden entstammen.
Doi Takeo war im Jahre 1950 zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg für drei Jahre in die USA gegangen, um sich psychiatrisch weiterzubilden. Nach seiner „Amerika"-Erfahrung erklärte Doi, dass im Westen das menschliche Abhängigkeits- und Anlehnungsbedürfnis herabgesetzt und niedrig eingestuft würde, klassisch 1784 formuliert von Immanuel Kant in seiner Definition von Aufklärung: „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Dieses Ideal „ohne Leitung eines anderen“ ist in der japanischen Tradition fremd.

In seinem Buch, Seishin Bunseki to Seishin Byori (1965, deutsch „Psychoanalyse und Psychopathologie“), hat Takeo Doi die Allgemeinheit seines Amae-Begriffs unterstrichen:
„Obwohl ich von Anfang an Amae-Begriff und -Erscheinung als höchst japanisch aufgefasst habe, habe ich nie angenommen, dass sie nur auf das japanische Milieu zutreffen. Ich halte den Amae-Begriff für allgemeingültig. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung zweifle ich nicht, dass die mit ihm angesprochene Erscheinung auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen in der europäischen Gesellschaft vorzufinden ist.  Wenn amae das Gefühl des kleinen Kindes der Mutter gegenüber bezeichnet, wie es der ursprüngliche Gebrauch des Wortes andeutet, kann es nicht sein, dass diese Erscheinung auf Japaner beschränkt ist. Es stellen sich daher folgende Fragen: Warum wird dieses Gefühl in Europa so weit verdrängt, dass man dafür kein Wort wie amae kennt? Wenn amae das fundamentale Gefühl des Kindes bezeichnet, sollte dieser Begriff dann nicht auch einen wichtigen Platz in der psychoanalytischen Theorie einnehmen? Bietet sich amae in diesem Fall nicht auch als ein zentraler Begriff im psychoanalytischen Verständnis psychopathologischer Erscheinungen an?“

Dass Sigmund Freud die frühkindliche Erfahrung von Amae nicht beachtet hat, begreift Doi als kritischen Einwand gegen dessen Konzeption der freien Persönlichkeit und mithin gegen die an Freud orientierte Psychoanalyse.  (1)

Behindert die japanische Tradition die Modernisierung?
Kritische Positionen in der japanischen Gesellschaftswissenschaft

Die Meiji-Regierung (1868 bis zum Tod des Kaisers Meiji 1912) propagierte unter dem Slogan ‚japanischer Geist - westliche Technik‘ (wakon-yôsai) eine wirtschaftlich-technisch-militärische Modernisierung Japans und lehnte gleichzeitig die westliche Kultur mit ihren Werten wie individuelle Freiheit und Gleichstellung und wie die westliche Rechtsordnung ab.
Im eigenen Selbstverständnis ist das japanische „kokutai“ seit der Meiji-Zeit der Inbegriff des japanischen Nationalverständnisses: Kokutai (Kyujitai) bezeichnet Landeskörper, Volkscharakter und Gemeinwesen in einem. Das erinnert an das christlich-kaiserliche Staatsverständnisses, das Europa tausend Jahre lang prägte. 

Seit dem Beginn der Modernisierung haben japanische Intellektuelle versucht, eine spezifische nationale Identität zu konstruieren. Diese Diskurse sind geprägt von Konzepten wie ‚ganzheitliches Sehen‘ oder ‚Wesensschau‘ und der Betonung eines „Beziehungs- und Kontextwissens“. Psychologische Experimente scheinen das zu bestätigen:
Der US-​amerikanische Psychologe Richard E. Nisbett und sein japanischer Kollege Takahiko Masuda haben im Jahr 2006 die Ergebnisse eines Experiments veröffentlicht, bei dem japanischen und amerikanischen Versuchspersonen Videoclips mit Unterwasserszenen aus einem Aquarium gezeugt wurden. Die Teilnehmer wurden anschließend gebeten, zu beschreiben, was sie gesehen hatten. Während die US-​Probanden vor allem vom größten Fisch im Becken berichteten, die Umgebung jedoch vernachlässigten, widmeten sich die Japaner sehr detailliert dem Gesamtbild aus Pflanzen, Steinen und der Vielzahl verschiedener Lebewesen. Dem „Big Fish” maßen sie weniger Bedeutung bei.

Die Sozialanthropologin Nakane Chie (1926-2021) hat in ihrem Aufsatz über die „japanischen Sozialstruktur“ (1964) herausgestrichen, dass die besonderen emotionalen Elemente auch in der Arbeitskultur beide Seiten binde: „Schutz wird durch gewollte Abhängigkeit erwidert und Sympathie durch Loyalität“. Nakane sieht darin ein „Gleichheitsprinzip besonderer Art“. Gleichzeitig kritisiert sie die Unfähigkeit, Gefühl und Vernunft zu trennen, das führe zu einem „Mangel an Logik“ und an kritischem Geist und schwäche die Gestaltungskraft.

Der Sozialwissenschaftler Masao Maruyama hat der Ideologie der Besonderheit der japanischen Tradition scharf widersprochen. Typisch für Japan sei, so Maruyama in „Denken in Japan“ (1988), „dass die verschiedensten Ideen, Denkformen und Weltanschauungen historisch unstrukturiert nebeneinander bestehen bleiben“, das japanische Denken habe daher einen „fragmentarischen Charakter“. Es sei nicht gelungen, das Fremde mit dem Eigenen zu verbinden und die eigene kulturelle Tradition den Bedürfnissen der Moderne anzupassen. In den Naturwissenschaften etwa und seit den dreißiger Jahren auch in den Sozialwissenschaften dominiere europäisches Gedankengut, während gleichzeitig die Mehrheit der Literaten und Dichter vollständig ungebrochen an einer vordemokratischen kulturellen Identität festhalte. Eine „‚Tradition‘ des bequemen Verbindens“ verhindere die Auseinandersetzung.
Diese Tradition des bequemen Verbindens prägt auch die religiöse Kultur des Landes. In der Tradition der alten animistischen Kultur steht der Shintōismus, der eng mit der Natur und der Verehrung von Naturgeistern (Kami) verbunden ist. Seitdem die japanischen Eliten im 6. Jahrhundert den chinesischen Buddhismus übernommen haben, mischen sich die religiösen Kulte und werden oft nebeneinander praktiziert, genauso wie das von der Minderheit der Christen übernommene Weihnachtsfest, das auch in Japan gefeiert wird - hauptsächlich als Konsum-Fest. Auch wenn es viele traditionelle Begriffe aus dem Shintōismus und Buddhismus gibt - Religion ist in Japan weniger persönlicher Glaubensüberzeugung als rituelle Praxis.

So ist es in Japan nicht gelungen, die Gesellschaft durchgängig im Sinne einer auf Leistung und individuelle Fähigkeiten programmierten Ordnung zu modernisieren, viel mehr ist in fast allen Lebensbereichen nach wie vor die Orientierung am Status ausschlaggebend. Der in der bürgerlichen Gesellschaft rationalisierte Verkehr mit dem „Fremden“ widerspricht der japanischen Tradition, in der man dem „Anderen“ (ta-nin) höflich und korrekt begegnet, aber im Grunde gleichgültig: Mit Fremden verbindet sich kein Gefühl der Verpflichtung (giri), auch Schuldgefühle kommen gegenüber den Anderen kaum auf. Sie gehören eben nicht zur eigenen Gruppe.

Die deutsche Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit (geb. 1948 im baden-Württembergischen Korntal), Professorin in Tokyo und seit 1991 an der Freien Universität Berlin, hat in ihrem Text „Kriegsschuld, Nachkriegsschuld“ festgestellt, dass Japans Eliten Mitschuld tragen am Bedeutungsverlust und der gesellschaftlichen Lähmung Japans.Wie die konservative deutsche Kultur in einer gewissen Weltfremdheit sich bis weit ins 20. Jahrhundert an der „deutschen Philosophie“ und dem „deutschen Wald“ berauschte, so pflege das traditionelle Japan seine traditionelle Kulinarik und Ästhetik.
Ein anderer Kritiker der These vom japanischen Sonderweg, der Rechtssoziologe Kawashima Takeyoshi, hat schon 1948 die antimodernen japanische Familienideologie mit ihrer speziellen Schamkultur als das Kernproblem bezeichnet, das die Demokratie verhindere.

Das Wir-Ich und das „Zwischen“ in der japanischen Tradition

Der moderne europäische Begriff „Person“ als autonome Individualität wurde am Ende des 19. Jahrhunderts in die japanische Denktradition übersetzt. (2) Für die buddhistische Philosophie ist die Idee vom menschlichen Wesenskern eine Illusion. Der Mensch besitzt keinen Wesenskern, das „Ich“ ist nichts anderes als die Beziehung verschiedener Faktoren, ein Entstehen und Vergehen in Abhängigkeit, die als solche vollkommen „leer“ sind. Die eigene Existenz ist ein „Nicht-Ich“, das wahnhafte Streben nach einem „Ich“ gilt als die Ursache allen Leidens.

Zentral in der japanischen Philosophie ist heute noch der Begriff des „Zwischenseins“ als Fundament der Beziehung von Ich, Du und Er. „Was nicht im Zwischensein ist, kann weder Ich noch Du werden. ... Der Mensch wird im Zwischensein ‚Ich‘.“ (Watsuji Tetsurö, Ethik als Wissenschaft vom Menschen, aus dem Japanischen übers, v. Hans Martin Krämer, Darmstadt, 2005) Hamaguchi  Eshun hat das (1946) auf eine prägnante Formel gebracht: „In seinen Beziehungen wird sich das eigene ‚Ich‘ in Wirklichkeit als ‚Du‘ für das ‚Du‘ bewusst.“ Im Subjektbild stelle sich das Ich als „Du des Du“ dar. Der Mensch sei „Mensch in Beziehungen“.   

Der Psychologe und Psychotherapeut Kimura Bin (geb. 1931) hat festgestellt, dass in Japan viele psychische Schwierigkeiten ausgehend von der Störung des „Zwischen“ entstehen. Dabei geht es aber beim „Zwischen“ nicht um die Beziehung zweier autonomer Einzelmenschen, sondern um das soziale Netzwerk, „aus dem heraus das eigene Ich und der andere als je eigenständige, verschiedene Personen hervorgehen.“ (Kimura Bin) „Hier fehlt die ptolemäische Selbstgefälligkeit des ‚Individuums‘“ , kommentiert das der Japanologe Jens Heise.

Der Begründer der modernen japanischen Philosophie Nishida Kitarö (1870-1945) hat 1932 einen Aufsatz über das „Ich und Du“ (watashi to nanji) verfasst, in dem er betont, dass das „Selbstbewusstsein“ umso profilierter wird, je mehr das Ich in Beziehungen steht. Freiheit und Selbstbewusstsein entspringen zwischen den Menschen im handelnden Umgang miteinander. „Ich kann durch die Resonanz (hankyö) meines persönlichen Handelns (jinkoteki koi) dich wissen und du kannst durch die Resonanz deines persönlichen Handelns mich wissen.“ (Kitarö)
Diese Philosophie spiegelt sich sprachlich in der Vielzahl der Personalpronomen der japanischen Sprache. Es gibt nicht ein Äquivalent, sondern zahlreiche Wörter für die erste und zweite Person. Jeder dieser Ausdrücke für ein „Ich“ oder „Du“ ist gebunden an die Beziehung der Personen untereinander.
Kimura Bin erklärt: „Während man vor einem Freund ‚boku‘ ist, ist man vor seinem Lehrer ‚watashi‘ und vor seiner Ehefrau ‚ore‘. Während man für seinen Lehrer ein ‚kimi‘ ist, ist man für seine Schüler ein ‚sensei‘ und für seine Ehefrau ein ‚anata‘. Natürlich bringen auch diese Personalpronomen, insofern es sich um Pronomen handelt, nicht das konkrete Individuum zum Ausdruck. Aber welches Personalpronomen der ersten Person man für sich selber verwendet, welches Personalpronomen der zweiten Person man für sein Gegenüber verwendet, entscheidet sich hierbei aus den jeweils ganz konkreten Umständen der zwischenmenschlichen Beziehung selbst und ist niemals dieser Beziehung vorausgehend entschieden.“

Japanischer Konsumismus

Ähnlich wie in Europa war in Japan das Kaufhaus ein zentraler Ort für die Konstruktion von „Moderne“ im frühen 20. Jahrhunderts. Der Prototyp des japanischen Warenhauses war Mitsukoshi, gegründet um 1900. Ein ehemaliges Tuchwarengeschäft wurde ausgebaut wie ein Tempel, an die Stelle der religiösen Fetische traten Waren. Sowohl die Architektur wie die Inneneinrichtung präsentierten eine neue urbane Kulturform und boten den Rahmen für das Versprechen visueller und sensorischer Genüsse. Es gab Rolltreppen und einen eleganten Speisesaal im westlichen Stil. Das Warenhaus war insbesondere attraktiv für die „neue Frau“, die einen modischen und stilvollen städtischen Lebensstil anstrebte. Es war eine Traumwelt, in der KundInnen das „Sehen“ wie das „Gesehenwerden“ genießen konnten.

Das „moderne Mädchen“ (modan garuwurde zum Inbegriff der Moderne – junge Frauen führten einem westlichen Stil die Emanzipation von japanischen Traditionen vor Augen. Der Konsum ist ein Bereich, in dem Einzelne eine persönliche Identität entwickeln können, die ihnen in öffentlichen Bereichen der Gesellschaft durch die strenge Tradition verwehrt ist.

Mitte der 1950er-Jahre begann auch in Japan ein wirtschaftlicher Aufschwung. Ähnlich wie in Europa waren die Waschmaschine, der Kühlschrank und der Fernseher die Konsumgüter dieser Zeit, Mitte der 1960er-Jahre waren sie in bald jedem Haushalt zu finden. Typisch für die japanische Konsumgesellschaft ist der frühe Einsatz von Medien-, Kommunikations- und Informationstechnologien auch in Freizeit und Konsum.
Japan öffnete sich dem globalen vergleichenden Blick und begann, sich an den Weltausstellungen zu beteiligen.  Eine „Internationale Ausstellung für Wissenschaft und Technologie“ unterstricht 1985 den Anspruch des Landes, Weltmacht im Bereich Wissenschaft und Technologie zu sein. Japan verstand sich als „Wohlstandsgesellschaft“ (yutakana shakai).

Dabei ist Japan eine traditionsbewusste und eine kommunitaristische Gesellschaft, in der soziale Verantwortung und die Pflicht gegenüber der Gruppe und der Gemeinschaft von größter Bedeutung sind. Da die Arbeitsprozesse, das Bildungssystem und die Politik von der traditionellen und hierarchischen Kultur geprägt sind, konzentriert sich die „Amerikanisierung“ auf die entpolitisierten Strukturen des Privaten.

Die populäre Konsumkultur integrierte scheinbar mühelos alte spezifische Konsumprodukte der Populärkultur – von Mangas (Comics), pachinko (Flipperautomaten) bis zur Tradition des Karaoke. Was für den westlichen Blick als japanischer „Konsumrausch“ erscheint, sind populäre Formen der Unterhaltung, die die alte japanische Tradition des Spielerischen (asobi) fortführen. Zelebriert werden traditionelle Feste wie der Ausflug in die Kirschblüte oder andere populäre Naturbetrachtungszeremonien. Auch religiöse Feste und Pilgerfahrten werden in die moderne Konsumkultur integriert und sorgen für eine magische Verzauberung des Konsums. Zu den kommerzialisierten gruppenorientierten Formen kollektiven Konsums gehört die Hochzeitsfeier. In ihr mischen sich konventionelle Verhaltensmuster mit westlichen Konsumformen, die keine Basis in der japanischen Tradition haben. Besonders ist auch die typisch japanische Art, Geschenke zu machen. Da geht es natürlich um die gegenseitige emotionale Wertschätzung und Bindung, Geschenke müssen erwidert werden. Es spielen aber auch Verpflichtungen und Statuserwägungen aus der japanischen Hierarchie eine große Rolle, für die es Handbücher der Etikette gibt. Man bewahrt Geschenklisten auf als Erinnerungs- und Beweisstücke. Schätzungsweise gibt eine japanische Mittelschichtfamilie fast 10 Prozent des Einkommens für Geschenke aus.

Japanische Traditionen werden durch Fernsehprogramme unterstützt. Eine gewisse Rolle spielt zudem die Erwartungshaltung der Touristen. Japan ist hat den viertgrößten Touristenstrom im Ländervergleich, viele kommen aus Korea und Taiwan. Die Japaner selbst sind begeisterte Inlandstouristen, und sie alle suchen das exotische „alte“ Japan. Mancher buddhistische Tempel musste wegen seiner Orientierung an den Einnahmen durch Touristen Kritik hinnehmen. Die junge japanische Influencerin Marie Kondo wurde seit 2012 weltweit bekannt. Ihr geht es um „Magic Cleaning“, das ist mehr als nur das Wegwerfen der Dinge, die man nicht braucht - es geht um Harmonie im täglichen Leben. Denn die Gegenstände, mit denen man sich umgibt, haben Einfluss auf den eigenen inneren Zustand. Die traditionelle Kultur des „Ma“ (Leere) betont die Schönheit der Leere und der simplen Formen.
Europäische Beobachter verwundert die japanische Art, öffentlichen Konformismus und Traditionsbewusstsein mit dem privaten individuellen Konsum zu integrieren.
 

Japan2Der japanische POP-Künstler Takashi Murakami hat das drastisch formuliert:
„Wir müssen unsere Mentalität ändern. Unsere Neigung, der Verantwortung auszuweichen, ist es, die uns extrem schädigt. In Japan dreht sich alles nur um Geld und Konsum.” Der Philosoph Akira Asada nannte diese Haltung „infantilen Kapitalismus“.

Maskottchen eines infantilen Kapitalismus:
„Kakai“ und „Kiki“,
zwei von Murakamis Hausgöttern,
überfluten Leinwände
und feixen auf Blumenkugeln

Die Frage ist, wie jüngere Generationen diesen Spagat fortführen wird.

Jugend-Moden

Ein harmloses Feld, in dem das rebellische Bedürfnis sich symbolstark austoben kann, ist die Mode. Japanische Jugendliche suchen in ihrer Freizeit zunehmend Mode-Gemeinschaften. Die „japanese street fashion“ begann Mitte der 1990er Jahre mit dem Kogal-Stil: Zum ersten Mal trauten sich japanische Teens, der üblichen traditionellen Kleidung zu entfliehen und trugen kurze Röcke, die wie Schuluniformen aussehen, kniehohe weiße Socken und viel Makeup. Das war der vorsichtige Anfang. In der sich entfaltenden japanischen Straßenmode wurden nicht nur Topmodels nachgeahmt, einfache Verkäuferinnen, die in den größten Shoppingmalls arbeiteten, schufen Stile. Mädchen wollten auffallen und färbten sich das Gesicht schwarz, ihre langen Haare wasserstoffblond und trugen bunte Miniröcke und hohe Plateauschuhe. „Gothic Lolita“ etwa war ein Kostüm der Cosplay Mode, Mädchen kleideten sich wie eine Viktorianische Puppe. „Mori girl“ werden Mädchen genannt, die sich mit Wald-Accessoires schmücken – als entstammten sie einem Zauberwald. Ein „Yama girl“ schmückt sich mit natürlichen Erdfarben. „Gyaru“ ist eine ausdrucksstarke und an den Körper angegossene Kleidung. „Cosplay“ nennt man die wohl bekannteste japanische Straßenmode – ihre AnhängerInnen kleiden sich wie die Figuren der japanischen Manga Comics oder der animierten Anime Filme.
Die „japanese street fashion“ ist eine markante Auflehnung gegen die Normkonformität und das Traditionsbewusstsein der japanischen Kultur. Es ist ein Zeichen der Irritation durch die Globalisierung und getragen von der digitalen Vernetzung - und wird als Freizeit-Protest akzeptiert. Würde diese Kleidung in der Arbeit oder im Alltag getragen, wäre es ein Skandal.

Schuluniformen in Japan heute

Denn für Jugendliche gilt gleichzeitig die absolute Schuluniform-Pflicht. Die Einführung der Schulpflicht geht auf die Meiji-Restauration im Jahr 1868 zurück. Japan orientierte sich an den Bildungssystemen Europas und der USA. Schuluniformen wurden eingeführt – sie standen für Disziplin und Einheitlichkeit. Egal, aus welchen Verhältnissen ein Kind kam, alle hatten das gleiche Recht auf Bildung und das symbolisierte die egalitäre Kleidung. 1921 erschien dann die Matrosenuniform, die bis zu den 1980ern dominierend war.

Aufrührerischer Mädchengangs rebellierten - die Folge waren strengere Vorgaben und eine Neuausrichtung auf einen anderen Stil. Inzwischen sind die Uniformen katholischer Mädchenschulen mit Blusen, Blazern und Karo-Röcken der Standard. Nur die Hälfte der Mittelschulen hat noch den klassischen Matrosenlook.

Helle Haare sind verboten und Mädchen müssen weiße Schlüpfer tragen.  eine 13-Jährige erzählt: „Sobald die Haare die Schulter berühren, müssen wir sie zusammenbinden. Dabei darf das Gummiband nicht über der Oberkante des Ohres festgemacht werden.“ Strumpfhosen sind selbst im Winter verboten. Wer sich nicht an die Regeln – im Japanischen „kosuku“ genannt – hält, muss mit einer Strafe rechnen, berichtet ein Junge: „Ich hatte mal einen Undercut, da musste ich mir den Kopf rasieren lassen. Ich hätte gerne blaue Haare.“ Bisher sind nur schwarze, glatte Haare erlaubt. Wer Locken hat, hilft besser mit dem Glätteisen nach.

Die aktuelle Begründung der Bildungspolitiker verweist auf die alte Tradition Japans: Das Kollektiv und die Gleichheit sind wichtiger als Individualismus. Und in der Schule wird das kollektive Leben geübt.

Vor allem die älteren Lehrer entsprechen den tradierten Standards. Abweichendes Verhalten ist inakzeptabel und wird als „hikô“ und „ijime“ geahndet – mit Mobbing, Lächerlichmachen oder Bloßstellen. Die Verordnungen zur japanischen Pflichtschule  enthalten die Zielsetzung, kultur- und traditionsbewusste japanische Staatsbürger zu formen. Und für die traditionsorientierten japanische Lehrkräfte ist es eine Ehre und Pflicht, sich für ihre Schüler zu opfern. Es gibt Lehrer, die sind stolz darauf, dass morgens um acht in die Schule kommen und diese erst abends gegen 21 Uhr wieder verlassen.

Hikikomori

Es gibt in der japanischen Lebenskultur ganz unterschiedliche Phänomene, die darauf hinweisen, wie brüchig die Tradition ist. Als „Hikikomori“ zum Beispiel werden Menschen bezeichnet, die sich vollkommen aus der Gesellschaft zurückziehen. In Japan wird bis zu einem Prozent der Bevölkerung als Hikikomori betrachtet.

Im Jahr 2019 meldete Japans Regierung über 1,15 Millionen Hikikomori, also rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung, davon mehr als die Hälfte im Alter zwischen 40 und 64 Jahren. Seit den 1990er Jahren wird ein „8050-Problem" beschrieben - aus den 20-jährigen Hikikomori wurden 50-Jährige, aus den 50-jährigen Eltern wurden 80-Jährige.  Jahrzehnte vergingen, ohne dass sich etwas änderte - 80-jährige Eltern versorgen inzwischen ihre sozial zurückgezogenen 50-jährigen Kinder.

Menschen mit besonders intensiver Nutzung des Smartphones klagen über Einsamkeit. Junge Frauen sind hochaktiv in sozialen Netzwerken, das geht aber mit einer verbreiteten Abneigung gegen Face-to-Face-Kommunikation mit denselben Freunden einher – aus Unsicherheit und Angst, in der direkten Begegnung Fehler zu machen. Das Phänomen des „Hikikomori“ – eines extremen sozialen Rückzugs – nimmt mit dem Smartphone neue Formen an. Älteren Menschen wird das Smartphone derweil als Instrument der Fernfürsorge empfohlen – vor allem durch visuelle Symbole von Apps wie „Line“. Die App „Line“ wird von 80 Prozent der Bevölkerung genutzt, insbesondere auch von Senioren. Das Besondere an Line sind nicht Textnachrichten, sondern Sticker – große, illustrierte Bildnachrichten. Sie knüpfen an eine wichtige japanische Tradition an: Ihre visuellen Botschaften sind indirekt und mehrdeutig und dadurch geeignet, Harmonie zu wahren und Gesichtsverlust zu vermeiden.

Das Internet ermöglicht soziale Interaktion ohne wirkliche Präsenz. In Japan gibt es seit 2021 (nach Großbritannien, 2018) ein „Ministerium für Einsamkeit“, Einsamkeit ist als Volkskrankheit anerkannt. In 30 Jahren könnten laut statistischen Prognosen die Hälfte aller japanischen Haushalte Einpersonenhaushalte sein. Eine Erklärung für das Phänomen ist die starke Mutterbindung der Heranwachsenden und der Hohe Anspruch, der an Berufstätige gestellt wird. „Irgendwann“, so der japanische Psychologe Tamaki Saitō, „fühlen sich die Kinder als Versager und finden immer schwerer einen Ausweg.“ Das Phänomen „Hikikomori“ geht mit gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen einher und führt zu einer signifikant höheren Suizidrate.

Klara und die Sonne

Als „Otaku“ oder Otakismus wird der obsessiven Leidenschaft für ein inzwischen oft virtuelles Hobby verstanden. In Japan soll es über 1,7 Millionen Otaku geben, die sich in ihren Zimmern räumlich abschotten, um sich zwanghaft ihrem „Hobby“ zu widmen.

Auch humanoide Roboter helfen dabei, den Kontakt mit Menschen zu vermeiden. Die alternde japanische Gesellschaft verspricht sich technologische Pflege-Leistung von den Pflegerobotern und auch Bauteile, die die körperlichen Schäden ersetzen. Die Jungen beginnen, sich spielerisch daran zu gewöhnen. Für Kinder gibt es smarte Spielzeuge, Chatbots, Stofftiere mit Sensoren, Avatare als Freunde fürs Smartphone. Das ist das Thema von Kazuo Ishiguros Roman „Klara und die Sonne" (2021). Klara steht im Schaufenster und wartet darauf, gekauft zu werden. Sie analysiert die Welt um sich herum, studiert menschliches Verhalten und Gefühle. Schließlich findet Klara eine Käuferin, kann zu dem Mädchen Josie in ein schönes Haus ziehen. Sie ist dabei, wenn Josie „Interaktionsmeeting" hat – das sind Treffen, bei denen Jugendliche lernen sollen, mit anderen Menschen klarzukommen. Die Mutter von Josie lässt einen Roboter nach dem Ebenbild ihrer Tochter anfertigen, die Software soll aus Klara, die Josies Verhalten beobachtet, übertragen werden.

Kuschel-Cafés

Wer in den „Interaktionsmeetings“ nicht zwischenmenschliches Verhalten gelernt hat, geht vielleicht später in „Kuschel-Cafés“. Hier können alleinstehende Menschen Partner zum Kuscheln „mieten“. Das erste Kuschel-Café, Soineya, eröffnete am 25. September 2012 in Akihabara in Tokio. Soineya bedeute so viel wie „Schlaf-zusammen-Shop“. Älter ist die Tradition der „Love Hotels“, die zu einem Element der modernen japanischen Alltagskultur geworden sind. Dort kann man stundenweise ein Zimmer mieten, dabei geht es aber nicht nur um Prostitution und One-Night-Stands. Die meisten Kunden sind SchülerInnen und StudentInnen, die bei ihren Eltern wohnen oder Menschen, die in kleinen, hellhörigen Wohnungen leben.

Tokio ist mit 37 Millionen Einwohnern die größte Metropolregion der Welt und gleichzeitig die „Hauptstadt der Alleinstehenden“.  In fast der Hälfte der Haushalte wohnt nur eine Person. Landesweit ist in Japan ein Drittel der Männer in den 30er Jahren unverheiratet, bei den Frauen ein Viertel. Prognosen gehen davon aus,  dass im Jahr 2035 die Hälfte aller Japaner allein leben wird. Aber es gibt ja „Kuschelcafés“, teure „Hostklubs“. Dort spielen „Hostessen“ die parasozialen Stars aus Liebeskomödien oder TV-Dramen, ganz nach Wunsch der Kundschaft. BesucherInnen von Kuschelcafés schlafen auf dem Schoss einer jungen Frau oder auf der Brust eines attraktiven Herrn, Videospiele simulieren Liebesbeziehungen mit einem Avatar. 
In Japan sind Dating-Plattformen weniger beliebt – es wird gesagt, Dating mit all seinen Konventionen sei lästig und anstrengend. Sex, von der romantischen Idee der Liebe entkoppelt, ist Konsumgut - man kann Sex wie andere Konsumgüter bestellen, bezahlen und konsumieren. Junge Menschen scheinen den Lebensweg abzulehnen, den ihre Eltern geprägt haben. Viele der Studenten haben mehrere Partner gleichzeitig, andere gar keinen.

Die Idee der romantischen Liebe kam erst Ende des 19. Jahrhunderts als Kulturimport von Europa nach Japan, als sich das Land vorsichtig öffnete. Der in Japan bekannte Soziologe Masahiro Yamada beschreibt die romantische Liebe als „moderne westliche Ideologie“. Wer davon träumt, er könne fliegen, könne böse aufprallen.
Die Entzauberung der Zweisamkeit wird auch in der Statistik der Hochzeiten greifbar. Traditionell wurde die Ehe als Wirtschaftsbund betrachtet. Wenn Frauen ihr eigenes Geld verdienen – warum sollten sie sich binden?

Japan auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Der japanische Psychiater Keigo Okonogi (1930-2003) hat schon 1978 in seinem Aufsatz über den Ajase-Komplex (3) beschrieben, dass unter dem Druck der medial verbreiteten Verwestlichung „das innere Selbst des heutigen Japaners seinem ursprünglich japanischen Charakter entfremdet“ würde. Keigo Okonogi bezieht sich auf die traditionelle symbiotische Mutter-Kind-Beziehung, die er „maternell“ nennt im Gegensatz zu dem westlichen „paternellen Prinzip“. Die psychische Grundhaltung basiere darauf, dass das ich ihm widerfahrene Schuld verzeiht und dadurch das Gefühl des Einsseins wiederzuerlangen sucht. Das bestimmt die japanische Mutter gegenüber ihrem Mann wie gegenüber ihrem Kind. Das „paternelle“ Prinzip, das auf der absoluten väterlichen Autorität beruht, verlangt dagegen für Schuld eine angemessene Strafe als Sühne – bis hin zur Kastration.
„An der Oberfläche ihres sozialen Bewusstseins“ hätten viele JapanerInnen „eine Identität mit dem Lebensstil und dem Lebensgefühl der fortgeschrittenen Industrieländer Europas und der USA“ übernommen, schreibt Keigo Okonogi (1978), jedenfalls in der „Welt des Draußen, die verstädtert ist und wo Rationalität und Individualismus“ herrsche. In der persönlichen Sphäre dagegen werde – letztlich vergeblich – versucht, die alte familiäre Vertrautheit zu bewahren.
Dass diese Welt keineswegs heil ist, äußere sich in verstärkter Aggressivität – die „kurzschlussartig“ ausbreche und sich extrem destruktiv äußere, wenn deutlich wird, dass die Kultur des Verzeihens nicht mehr die Individuen versöhnen kann. Die Gewalttätigkeit der Studenten-Bewegung von 1968 ist für ihn ein Beispiel: „Das Wort, das die radikalen Studenten damals am meisten hassten, war das Wort von der ‚Elternliebe‘ (oyagokoro) seitens ihrer Professoren.“ Psychologisch hätten die Studenten den brutalen Polizeieinsatz als Erfahrung verarbeitet, „dass das Band der Einheit zwischen ihnen und ihren Professoren gelöst war“.
In einer gewissen Analogie zum Freudschen Ödipus-Komplex gerät die Mutter-Kind-Bindung in eine unlösbare Krise in dem Moment, wo das Kind die Mutter als Frau und sexuelles Wesen erfährt – und nicht mehr als symbiotisch nur ihm zugewandte Mutter. In der traditionellen Wohnkultur gab es in Japan keine getrennten Schlafzimmer für Eltern und Kinder, Eltern und Kinder bildeten eine unbedingte Einheit, „unsere Väter und Mütter verbergen ihre Geschlechtlichkeit“ (Keigo Okonogi). Noch heute ist es unüblich, in der Öffentlichkeit Körperkontakt zu suchen und zum Beispiel Händchen haltend zu gehen. Küssen in der Öffentlichkeit ist verpönt. Die Jugendlichen wachsen heran ohne familiäre erotische Vorbilder – und werden damit über das Internet konfrontiert, bis hin zu pornografischen Bildern. Über die Massenmedien würden die Jugendlichen erfahren: Deine Eltern sind auch bloß ein Mann und eine Frau! „Dass die Mutter nun plötzlich zu einer ‚Frau‘ geworden ist, wird als kaum verzeihlicher Verrat der Mutter verstanden.“ (Keigo Okonogi)

Der Hamburger Japanologe Manfred Pohl hat noch 2002 festgestellt, dass in Japan hinter einer Fassade der Verwestlichung immer noch die traditionellen Wertnormen einen hohen Stellenwert hätten, etwa in Form der Bedeutung der Familie, der Gruppengeborgenheit oder des Strebens nach Harmonie. Pohl interpretiert das als „Netz scheinbar unaufgelöster kultureller Widersprüche“. Die japanische Öffentlichkeit berausche sich zwar an Zukunftsvisionen wie etwa visionären Gruppenreisen ins All, für die schon jetzt ein Platz in einer Feriensiedlung auf dem Mond gebucht werden kann. Junge japanische Männer wünschten sich gleichzeitig, dass ihre alten Eltern ihren Lebensabend im Familienkreis verbringen sollten – obwohl Japans Durchschnittswohnungen für solche Lebensformen zu klein sind.
Solche unauflösbare Widersprüche sind überformt von einem tiefgreifend pessimistischen Weltbild, das in der Angst vor Kriegen oder in der Sorge vor dem vermeintlich übermächtigen Nachbarn China seine Bilder findet. Gleichzeitig lebt „das alte Japan" nicht nur in den romantischen Vorstellungen westlicher Reisender. Es gibt sie noch, die Technologie-Manager, die sich mitten in der optischen und akustischen Reizüberflutung der japanischen Großstadt in die Meditation versenken und dem „Klang der Stille" lauschen. In vielen Bürotürmen gibt es Räume für die Teezeremonie. Kalligraphie und Ikebana haben eine große Anhängerschaft.

Es gibt allerdings viele Anzeichen dafür, dass es bei den in Zeiten der Digitalisierung aufgewachsenen neuen Generationen zu großen Irritationen und Brüchen kommt, weil sie parallel unter den japanischen Traditionen und unter dem Einfluss der globalisierten Bildkommunikation stehen. In der alternden japanischen Gesellschaft artikulieren es Jugendliche zum Beispiel immer mehr als Defizit, dass ihre Väter oft nur an Wochenenden oder nur sonntags in der Familie anwesend sind.
Unter jungen JapanerInnen kursiert das japanisch-englische Kunstwort „freeta“ (gesprochen „friita“), das den Wunsch bezeichnet, zwischen Studienabschluss und Arbeitsleben ziellos einige Zeit „driften" zu dürfen. Als Substantiv ist „Freeter“ ist Ende der 1980er Jahre durch Kombination des englichen „free“ (= frei) und des deutschen „ter“ (Endung von Arbeiter) entstanden.
 „Japans Großstadtjugend ist im Begriff, zwischen Vergnügungssucht und Konsumrausch in eine futuristische Kunstwelt abzudriften. Modisch ‚in‘ zu sein und das Leben zu genießen scheinen wichtiger als die Selbstaufopferung für den Betrieb: Arbeitsleistung ‚bis zum Umfallen‘ an sechs Tagen in der Woche, im Extremfall vielleicht der Tod durch Überarbeitung (japanisch karoshi) erscheint immer mehr Jugendlichen nicht erstrebenswert. Erfüllung in der Arbeit wird als Wert immer häufiger in Frage gestellt.“ (Pohl)

„Völlig zu Unrecht gilt Japan als effizientes Land der Hochtechnologie“, fasst Spelten seine Erfahrungen vom Leben in Japan zusammen.  Das Metro- und Schnellzugnetz ist gut und effizient, Japan verkaufte seine Hybridfahrzeuge nach Europa, als man dort noch auf Diesel setzte, mit dem Handy kann man in Japan jedem Tunnel und jedem Schnellzug telefonieren. Berichte über den Schmuseroboter, der bettlägerigen Menschen emotionale Zuwendung schenkt, sind allerdings Legende. Legende ist auch die Vorstellung, dass in den japanischen Schulen eine „digital native“-Jugend heranwächst, die die neue Technik liebt, voller Mut und Elan Privatleben und Arbeit mit den Möglichkeiten der digitalen Technik neu erfinden möchte und auf das Leben der Eltern mitleidsvoll herabblicken würde.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die traditionelle Kultur des vernetzten „Wir-Ich“, wie sie in dem philosophischen Gedanken des „Zwischenseins“ von „Ich“ und „Du“ zum Ausdruck kommt, zum Fundament einer modernen Kultur der digitalen Vernetzung werden könnte. Es scheint keinen besonderen „japanischen“ Sprung aus der alten Welt der ostasiatischen Traditionen in die Welt des digitalen Konsumismus zu geben.

 

    Anmerkungen:

    1) 
    Alice Miller hat in ihrem Buch Das Drama des begabten Kindes (1979) das Bedürfnis nach Geborgenheit bei Kindern als „gesunden Narzissmus“ beschrieben.
    „Hat ein Kind das Glück, bei einer spiegelnden Mutter aufzuwachsen, die sich narzisstisch besetzen lässt, die verfügbar ist, d. h. sich zur Funktion der narzisstischen Entwicklung des Kindes ›nutzbar machen‹ lässt, [...] so kann im heranwachsenden Kind allmählich das gesunde Selbstgefühl entstehen. [...] Unter ›gesundem Selbstgefühl‹ verstehe ich die unangezweifelte Sicherheit, dass empfundene Gefühle und Wünsche zum eigenen Selbst gehören. Diese Sicherheit wird nicht reflektiert, sie ist da, wie der Pulsschlag, den man nicht beachtet, solange er in Ordnung ist. In diesem unreflektierten, selbstverständlichen Zugang zu eigenen Gefühlen und Wünschen findet der Mensch seinen Halt und seine Selbstachtung. Er darf seine Gefühle leben, darf traurig, verzweifelt oder hilfsbedürftig sein, ohne Angst haben zu müssen, die introjizierte Mutter damit unsicher gemacht zu haben.
    Er darf Angst haben, wenn er bedroht wird, darf böse werden, wenn er seine Wünsche nicht befriedigen kann. Er weiss nicht nur, was er nicht will, sondern auch, was er will, und darf es zum Ausdruck bringen, unabhängig davon, ob er dafür geliebt oder gehasst wird.“
    2)
     Das ursprüngliche lateinische Wort „persona“ leitet sich von personare (hindurchtönen) ab und bezeichnete die „Maske“ (des Schauspielers). Menschen können mit ihrer Maske spielen und einen (falschen) schein erzeugen. Persona war der Mensch in seinem kommunikativen Kontext und nicht der einzelne Mensch in diesem Sinne einer „individuellen Substanz“. 
    3) „Ajase“ war nach einer buddhistischen Sutra ein Prinz aus königlichem Hause im alten Indien. Seine Mutter Idaike hatte befürchtet, dass sie durch die Schwangerschaft an Schönheit verlieren und dass die Liebe ihres Mannes, des Königs Binbasara, nachlassen würde. Aber sie wünschte sich sehnlichst einen Sohn.  Ein Wahrsager prophezeite ihr, ein in ihrem Hain lebender Einsiedler würde in drei Jahren sterben und in ihrem Leib wiedergeboren werden. Aber sie wollte schnell ein Kind haben und so tötete sie den Eremiten.
    Ajase, das Kind, mit dem sie dann schwanger wurde, war also dessen Wiedergeburt – ein das Kind, das durch den Egoismus seiner Mutter schon einmal von ihr getötet worden war. Sie spürte den Groll des Einsiedlers (Ajase) in ihrem Leibe und versuchte, vergeblich, ihn abzutreiben.
    Ihr Sohn Ajase wuchs ganz  in der Liebe seiner Eltern auf. Als er von den Umständen seiner Herkunft erfuhr, war er von seiner idealisierten Mutter so enttäuscht, dass ihn Mordabsichten hegte. Die Mutter verzieh Ajase aber. Und auch er verstand ihre Qualen und verzieh ihr ebenfalls.


    siehe  auch meine Blog-Texte u.a.
    siehe auch meine MG-Texte
    Asien digital - die alternative Art, modern zu sein?  MG-Link
    Der chinesische Traum - China total digital?  MG-Link
    Japan digital - die alternative Moderne?  MG-Link
    Notizen zu Konfuzius MG-Link
    Alain Bihr, Warum nicht China? Link
    Warum Europa? Warum nicht der Islam? MG-Link

    Selbst im Netz   
    MG-Link
    Individualität und Sozialität   
    MG-Link
    Kommunikatives Kraulen  
    MG-Link


    Lit.:
    Kimura Bin, Zwischen Mensch und Mensch. Strukturen japanischer Subjektivität, übers. von E. Weinmayr (1995)
    Nakane Chie, Die Struktur der japanischen Gesellschaft. aus dem Engl. übersetzt (1985)
    Gerard Delanty, Konsum, Moderne und die kulturelle Identität Japans, aus: U. Beck u.a., Globales Amerika? (2003)
    Rolf Elberfeld, ‘Zwischen’ Mensch und Mensch. Ostasiatische Perspektiven des Selbstseins,
       in: Klon statt Person, hg. v. vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2011, 29-44, online unter

       
    https://www.uni-hildesheim.de/fb2/institute/philosophie/team/prof-dr-rolf-elberfeld/aufsaetze/
    Doi Takeo, Amae - Freiheit in Geborgenheit: Zur Struktur japanischer Psyche, Vorwort von E.Holenstein (1982).
    Hamaguchi  Eshun, Ein Modell zur Selbstinterpretation der Japaner – ‚Intersubjekt’ und ‚Zwischensein‘ (1946).
      auf deutsch in: Die kühle Seele,  Selbstinterpretationen der japanischen Kultur, Hg. Jens Heise (1990)
    Irmela Hijiya-Kirschnereit, Was vom Japaner übrig blieb. Transkultur – Übersetzung – Selbstbehauptung.
      Essays (2013)
    Yuniya Kawamura, „Fashion-ology. An introduction to fashion studies“ - Dress, Body Culture, (2004)
    Masao Maruyama: Denken in Japan
      (1988)
    Keigo Okonogi , Der Ajase-Komplex des Japaners  (auf japanisch erschienen 1978), dt. in: Heise, Die kühle Seele (1990)
    Lorenz Stucki, Japans Herzen denken anders - Die alternative Art, modern zu sein:
      Was wir von der einzigen nicht-westlichen Industriegesellschaft lernen können (1978)
    Manfred Pohl, Japan auf dem Weg ins 21. Jahrhundert (2002)
     
    https://www.bpb.de/izpb/10145/japan-auf-dem-weg-ins-21-jahrhundert
    Willem Spelten, Verborgenes Japan. Einblicke in das faszinierendste, aufregendste und manchmal verstörendste Land der Erde (2023)

     

     

     

     

     

     

     

     

     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(2023)jap. uchi 内