Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

2 AS Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie
ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
ISBN 978-3-7375-8922-2

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
ISBN 978-3-746756-36-3

POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

cover KMB 230

Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 

Japan oder China - die alternative Art, modern zu sein?

 Über asiatische Traditionen und die Digitalisierung der Gesellschaft
im Zeitalter des globalen Konsumismus

2026

China und Japan gehören zu den fünf Ländern mit der größten Wirtschaftskraft weltweit und gelten beide in ihrer Unterschiedlichkeit als Vorreiter der Digitalisierung. In mancher Hinsicht scheinen sowohl Japan wie China den europäischen Staaten voraus - bei der Verbreitung digitaler Helfer in Alltag und Werbung und, was China angeht, auch bei der Kontrolle der Bevölkerung. Dabei hatten sowohl Japan wie China noch bis weit ins 19. Jahrhundert – nach europäischen Kriterien - „vormoderne“ und dörflich dominierte Sozialstrukturen, es waren alte Kaiserreiche mit kollektiven sozialen wie philosophischen Traditionen. Die bürokratischen Eliten haben dann eine massive Anpassung an die europäische Moderne betrieben.

Die Meiji-Restauration in Japan (seit 1868), angeregt durch das Auftauchen amerikanischer Kriegsschiffe in der Bucht von Tokio, stand unter der Leitidee „westliche Technik, japanischer Geist".  Japan wollte westliche Zivilisation in Technik, Recht und Wirtschaft übernehmen, um der militärischen Dominanz widerstehen zu können. Das entsprach einer antikolonialen Logik. Tradierte japanische Identität und Kultur wie auch die kaiserliche Tradition sollten dabei bewahrt werden. Der Kaiser (Tennō) wurde zur lebenden Gottheit und zum Symbol nationaler Einheit erhoben, Shintō zur quasi-nationalen Religion. Das „Bildungs-Reskript“ von 1890 verpflichtete die gesamte Bevölkerung auf konfuzianische Werte, auf Loyalität, Harmonie und Vaterlandsliebe.
Japan war um 1900 die weltweit einzige nicht-westliche Industriemacht. Nach dem militärischen Sieg im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) sah sich Japan als „Führer Asiens" und entwickelte imperiale Züge. Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg erlebte Japan unter US-amerikanischer Dominanz eine zweite Modernisierungswelle – bei allem Respekt vor der japanischen Tradition.

In China wird die erste Phase der Modernisierung als „Jahrhundert der Demütigungen" (1839–1949) interpretiert. Großbritannien erzwang im Ersten Opiumkrieg (1839–42) die Öffnung für den Handel und die Abtretung Hongkongs. Nach dem Ende des Bürgerkrieges (Taiping-Rebellion mit sozialrevolutionären und eschatologischen Zügen (1850–64), die Schätzungen schwanken zwischen 20 und 70 Millionen Toten) versuchte China eine Modernisierung unter dem Motto „westliches Lernen für den praktischen Nutzen". Es wurden Militärschulen nach westlichem Muster eingerichtet, westliche Waffen und Schiffe gekauft. China reformierte langsam. Das als rückständig belächelte Japan fügte dem stolzen China dann 1895 eine militärische Niederlage zu - ein psychologischer Schock. Die Qing-Dynastie, die in China seit dem 17. Jahrhundert regiert hatte, verlor ihre Legitimität, 1912 wurde die Republik ausgerufen. Die Bewegung des 4. Mai 1919 markierte die Trennung des chinesischen vom japanischen Weg: „Nieder mit Konfuzius! Es lebe Wissenschaft und Demokratie!" riefen die empörten Studenten. Der Sieg der Kommunisten und Mao Zedongs 1949 war ein militärischer Sieg und der Sieg eines Modernisierungsmodells. Die Zerstörung der bäuerlich geprägten Kultur und die rücksichtslose Neuerschaffung des chinesischen Menschen wurden zum Staatsprogramm.

China und Japan - zwei Wege in die digitale Gesellschaft

Im Jahr 2020 rangierte China mit einer digitalen Wirtschaft von 5,4 Billionen US-Dollar weltweit auf Platz zwei, während Japan mit 2,48 Billionen US-Dollar auf Platz vier lag. Beide Länder gehören also zur absoluten Weltspitze – aber mit sehr unterschiedlichen Modellen.

Niemand im Westen hat sich vorstellen können, dass China in den 50 Jahren nach Mao das Modell eines „Kapitalismus ohne Liberalismus“ prägen sollte und damit wirtschaftlich und militärpolitisch zur „Weltmacht Nummer 2“ aufsteigen konnte. 

In ihrer „Modernisierungstheorie“ hatten Talcott Parsons und Seymour Martin Lipset in den 1950er Jahren beschrieben, wie traditionelle Gesellschaften sich in moderne Industriestaaten verwandeln. Sie prognostizierten, dass die Industrialisierung eine Mittelschicht schafft, die traditionelle Hierarchien untergräbt und eine stabile Demokratie durch den wachsenden Reichtum und Bildung einer „Mittelschicht“ ermöglicht. Bisher sieht es so aus, als würde die chinesische Entwicklung diese Theorie widerlegen.

Die digitale Transformation in China ist eng mit dem autoritären kapitalistischen System verknüpft: Das Modell ist geprägt von der Teilung der Macht zwischen der Kommunistischen Partei und kapitalistisch strukturierten Konzernen (Alibaba, Tencent und Huawei). Eine „Große Firewall" garantiert die Abschottung nach außen, das Social Credit System die Kontrolle nach innen. Das chinesische „Social Credit System" wird im westlichen Diskurs im Sinne einer technologischen Dystopie dargestellt, eigene Ängste vor digitaler Überwachung werden auf Chinas technologischen Aufstieg projiziert. Vom chinesischen Staat wird es als Antwort auf die gesellschaftliche „Vertrauenskrise" gerechtfertigt, die mit der Anonymisierung der alten bäuerlichen Gesellschaft verbunden war.

Während die chinesische Modernisierung rücksichtslos gegenüber Traditionen und lokalen Interessen durchgesetzt wird, soll die digitale Technologie nach dem japanischen Leitkonzept „Society 5. soll dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Japans digitale Transformation wird durch den Respekt vor kulturellen Traditionen und den Versuch, eine konsensbasierte Digitalkultur zu schaffen, gebremst.

Offensichtlich werden die unterschiedlichen Wege zur Digitalisierung bei der Nutzung von Papiergeld. In China ist Bargeldlosigkeit ohne Alternative, in Japan hingegen werden Menschen, die am Papiergeld hängen, respektiert - „alle mitnehmen, Integration statt Disruption" gilt als japanisches Innovationsmotto.
„WeChat“ und „Alipay“ sind Apps, mit denen die Chinesen zahlen, kommunizieren, „Behördengänge“ erledigen, Arzttermine vereinbaren. Im Jahr 2020 wurden in China 83 Prozent der Einkäufe bargeldlos erledigt, in Japans 40 Prozent. Das Leben ist in chinesischen Städten selbstverständlich digital.

So ist das Smartphone in China die primäre Schnittstelle zur Gesellschaft, WeChat funktioniert als das Betriebssystem des Alltags. Ein chinesischer Nutzer startet morgens mit der App und schließt sie auch abends nicht. Und das über alle Altersgruppen. Wer kein Smartphone hat oder es nicht bedienen kann, ist faktisch aus weiten Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen.

Japan bietet dagegen ein widersprüchlicheres Bild – es lässt Widersprüche zu. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2025 schätzen sich sechs von zehn Japanern selbst als Smartphone-süchtig ein. Das zeigt, wie verbreitet die Geräte im Alltag geworden sind und gleichzeitig, wie legitim es ist, seine Skepsis darüber zu artikulieren. Dennoch hat sich das Phänomen des „Hikikomori“ von einem Jugend-Problem auf andere Generationen ausgebreitet. Viele der jüngeren modernen Hikikomori sind online sehr aktiv.

Vergleiche mit China sind schwierig - China dämpft das Thema durch eine Zensur problematischer Inhalte. Dass es seit 2021 ein Handy-Verbot für alle Schulen gibt, zeigt, dass der chinesische Staat reagieren muss. Auch in China ist der Widerspruch zwischen dem kollektivistischsten Selbst-Bild der Gesellschaft und der erlebten Einsamkeit eklatant.
Schon jetzt sinkt Chinas Bevölkerungszahl – im Zusammenhang der Ein-Kind-Kultur führt das zu einem wachsenden Anteil älterer Menschen. Beiden Ländern droht für das Jahr 2100 eine Halbierung der Bevölkerung.
 

 

    siehe meine MG-Texte
    China digital - der chinesische Traum  MG-Link
    Japan digital - die alternative Moderne?  MG-Link

    siehe auch:
    Notizen zu Konfuzius MG-Link
    Alain Bihr, Warum nicht China? Link
    Warum Europa? Warum nicht der Islam? MG-Link

    Selbst im Netz   MG-Link
    Individualität und Sozialität   MG-Link
    Kommunikatives Kraulen  MG-Link