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Der heimliche Feminismus des Konsums
KMG
In der Entwicklung der Konsumgesellschaft haben zuerst die Frauen, die sich nicht über ihre Arbeit definieren konnten, die Chance ergriffen, ihre Individualität durch modische Kleidung und ihr „Gesicht“ durch Kosmetika zu formen und sich in ihrer Lebensumwelt als Individuen zu präsentieren. Bei der femininen Kauflust geht es um mehr als das Produkt, es geht um leibliche Konsum-Lust. Gerade das Anprobieren der Mode ist ein Spiel, ein Genießen als leibliche Erfahrung. Der Körper wird für den Blick der anderen optimiert. Es geht um die spielerische Antizipation des Begehrt-Werdens, um Träume von leiblichem Berühren und um Gerüche. Auch hier gilt, dass die Ware Mode verspricht, was das Produkt nie halten kann. Wenn Frau sich schminkt, modisch kleidet, wie ein Produkt anbietet, ist das Arbeit an der Fassade und gleichzeitig Inszenierung von Begehren.
Die Geschichte des Konsums ist auf das Engste mit der der Emanzipation der Frauen verbunden. Mode-Journale waren im späten 18. Jahrhundert die ersten Illustrierten, die europaweit die Sehnsucht der schönen Reichen bedienten. Das Warenhaus – von Emil Zola als „Paradies der Damen“ berühmt gemacht – öffnete dann die Zauberwelt des Konsums für weibliche Unterschichten. Während die Männer noch ihre Identität in der Arbeit suchen konnten, begannen die Frauen sie im Konsum zu finden. Shopping wurde am Ende des 19. Jahrhunderts zum beglückenden Erlebnis für die Frauen, die durch Warenhäuser flanieren konnten, ohne etwas kaufen zu wollen oder zu müssen. Die Architektur ließ die Kundinnen in ihrer Imagination zu Königinnen werden. Die Konsumindustrie verkaufte mit den Waren auch Illusionen, Träume und Geschichten.
Mit den Warenhäusern des 19. Jahrhunderts entstanden wahre Paläste des demonstrativen Luxus und der Mode. Aus dem Einkaufen wurde ein Flanieren, bei dem es um Kommunikation ging, um Träume, Image und Identität. Das Londoner Kaufhaus Selfridges hat schon vor dem Ersten Weltkrieg seine theatralische Kulisse für eine Aufführung von Nikolai Rimski-Korsakows Ballett Scheherazade durch die Ballets Russes geöffnet, um Frauen in das renommierte Warenhaus zu locken. Da konnte frau dann Turbane und Haremshosen kaufen, um den Traum authentisch nachzuspielen.
Weiblichkeit war im 19. Jahrhundert das beherrschende Thema in der Literatur, es entstanden Frauenmagazine und -zeitschriften. Die bürgerliche Hausfrau am Anfang des 20. Jahrhunderts gewann neue Freiheiten gegenüber ihrem Ehemann – zunächst in den Räumen der Konsumkultur. Der wachsende Tätigkeitsbereich für Angestellte bot den jungen Frauen gleichzeitig neue Möglichkeiten eigener Erwerbstätigkeit. Die „neue Frau“, die eigenes Geld verdiente, wurde zum Leitbild für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen.
Am 1. März 1912 zerstörten 150 Suffragetten, mit Hämmern und Steinen bewaffnet, Fenster im Einkaufsviertel des Londoner Westend. Die Suffragetten kämpften für das Frauenwahlrecht und sie waren die ersten Verfechterinnen der Frauenbewegung, die sich ausdrücklich als Konsumentinnen begriffen. In ihrem Flugblatt hieß es: „Die Frauen sind Ihre besten Freunde und ohne sie und ihre Unterstützung, was würde aus Ihrem so blühenden Geschäft werden?" Mit ihrer Aktion wollten sie die Unterstützung der Händler erzwingen.
Mit den Schaufenstern für die Mode und den Werbeplakaten wurden auch die Frauenbilder öffentlich ausgestellt. Kaum eine Litfaßsäule kam ohne Bilder der modernen Frau aus. Frauenbilder dominierten so die städtische Öffentlichkeit. Das war eine visuelle Sensation, da die gut situierten Frauen im 19. Jahrhundert nicht allein „vor die Tür“ gehen oder „in Gesellschaft“ sein durften – die Straße galt nicht als sicherer Ort für die ,feine Dame'. Insbesondere während ihrer Periode sollten Frauen das Haus hüten.
Herren-Mode
Die Kreativität der Frauenmode sticht besonders hervor, wenn man dagegenhält, welche Eintönigkeit die Mode für die Männer vorsah. Der graue Herrenanzug dokumentierte, dass man sich nicht die Hände schmutzig machen muss bei der Arbeit. Der Anzug erzwingt Haltung, zwängt den Leib zu einem steifen Körper. Der feine Herr lässt arbeiten, kontrolliert die Arbeit anderer, und er lockt, wenn überhaupt, mit seinem Verdienst - seiner Stellung und seinem Portemonnaie. Der feine Herr macht keine Sprünge, kann nicht rennen, er schreitet. Es gab keine Not zu schwitzen. Der Anzug ist sein „Territorium des Selbst“ und das Automobil wurde seine Körperausweiterung. Erst mit Turnschuhen wagte der feine Herr in den 1980er Jahren den Sprung in den Look der Freizeit-Konsum-Gesellschaft.
Wo die Frau im leitenden Beruf demonstrativ ihren Mann stehen muss, trägt sie nach wie vor seinen grauen Hosenanzug.
Männerphantasien über gefährliche Freiheit der Frauen
Wie das Warenhaus war auch das Kino am Beginn des 20. Jahrhundert ein Ort, an dem sich moderne Frauen ohne ihre männliche Begleitung treffen konnten – Kinos waren eine willkommene Abwechslung vom häuslichen Alltag und boten Teilhabe an der großen Welt. Der Stummfilm war in den ersten Jahren „weiblich“, wie Heide Schlüpmann beschreibt, und lockte vor allem ein weibliches Publikum.
Im ersten Jahrzehnt des experimentellen Stummfilms nach 1895 gab es keine festgelegte, männliche Hierarchie. Frauen konnten anfangs als „Regisseurinnen“ arbeiten, Schauspielerinnen konnten „ihren“ Film prägen. Das frühe Kino wollte zudem Frauen als Publikum gewinnen. Es gab Filme, in denen Frauen-Schicksale im Mittelpunkt standen - ein Dienstmädchen, eine Hausfrau, eine Waise. „Die Geschichten führen in die meist noch ‚ungestellte' Wirklichkeit des Inneren einer Fabrik, einer Bank oder eines handwerklichen Betriebs, in die im Atelier nachgebauten Wohnungen der Gründerzeit - den Salon, den Wintergarten einer großbürgerlichen Villa, in eine kleinbürgerliche Wohnküche. Sie handeln mal von den Existenzsorgen einer alleinstehenden Frau, mal von den Problemen eines bürgerlichen Aufsteigers, doch fast immer vom Intimleben zwischen Ehe und Prostitution.“ (Schlüpmann)
Schon früh thematisierten die Filme das „moderne Großstadtleben“. 1911 erschien „Hyänen der Großstadt“. Es wurden Orte und Menschen vorgestellt, die für den normalen Kino-Besucher großen Reiz hatten – weil die Filme Tabus ankratzten. Gerade schlüpfrige Themen wurden mit dem Anspruch auf Öffentlichkeit gerechtfertigt: „Das Prinzip der Moderne ist ja die Öffentlichkeit“, schreibt Hans Oswald, Filmemacher und Autor einer zehnbändigen Studie „Das Berliner Dirnenwesen“ (1906). Der Stummfilm zeigte „Körperkunst als Spiegelbild intimer Innerlichkeiten“. Die Filme stellten die verbreiteten Phantasien über die Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft vor Augen. Arbeiter und Arbeiterinnen kamen in die Kinos, „die doch nach frischer Luft lechzen müssten“, Hausfrauen, die „keinen neuen Film versäumen“ wollten, so schreibt ein Kritiker 1913. Einer „Bazillenbude“ gleich wirke der Kinobesuch: „Erhitzt ist man und von Lust geplagt. Und so kommt man nach Hause“, so der Sozialdemorat Victor Noack.
Zum Kassenschlager war der Stummfilm „Den hvide Slavinde“ (Die weiße Sklavin, 1906/7) geworden. Anders als das dänische Gemälde von Jean Lecomte du Noüy (1888) zeigt er kein Fleisch, bedient aber ganz ordentlich die Phantasien über naive Mädchen vom Lande und die Orgien der Städter. Der Film „Hyänen der Großstadt“ (1911) hatte seine Textvorlage durch den Berliner Rechtsanwalt Werthauer bekommen, da geht es um Geschichten aus dem dunklen Verbrechermilieu der Großstadt.
Die Autorin Heide Schlüpmann widerspricht dem Eindruck, dass das weibliche Publikum sich da nur mit den Männerphantasien auseinandersetzen musste. „Die 'Gefahr', die der Kinematograph um diese Zeit darstellte, war jedoch nicht nur die des Einblicks eines weiblichen Publikums in das erotische Vergnügen der Männer, sondern mehr noch die einer Selbstwahrnehmung der Frauen“, schreibt sie. Bezeichnend für die bürgerliche literarische Kultur sei die Feststellung von Jean Paul gewesen: „Nur der Mann, aber nicht die Frau schauet sich an.“ Für die Frauen der Jahrhundertwende war das Kino „in der Regel das einzige Vergnügen, das sie außer Haus alleine genießen konnten“, aber es war „mehr als bloße Unterhaltung: Sie brachten in das Kino den vom Theater nicht eingelösten Anspruch, ‚sich selber zu sehen': ihre Wünsche und Möglichkeiten, aber auch ihren Alltag, ihr Milieu.“
Viele Groschen- und Heftromane des frühen 20. Jahrhunderts spielten im Filmmilieu und bedienten die Phantasien von jungen Mädchen, die davon träumten, selbst auf der großen Leinwand zu erscheinen. Sie thematisieren Aufstiegsphantasien und gleichzeitig die Kritik an der modernen Konsumgesellschaft, in der der Mensch konsumierbar und somit austauschbar wird. Als Schauspielerin konnte die junge Frau ihr schönes Gesicht verkaufen, als Verkäuferin ihre Kundinnen mit ihrer Schönheit locken. Die neue Freiheit der Frauen betraf auch ihr Liebesleben, das in den Groschenromanen beschrieben wurde.
Die männlichen Kultur-Kritiker sahen in den beiden Institutionen vor allem die Verführbarkeit und Beeinflussbarkeit der Frauen. In Emile Zolas Roman ‚Im Paradies der Damen‘, erschienen schon 1884, werden die Verkäuferinnen als „elende Geschöpfe, genauso käuflich wie ihre Waren“, bezeichnet. Auch das Thema Diebstahl zieht sich wie als roter Faden durch den Roman. Emil Zolas Diebin ist eine Metapher für den Bruch bürgerlicher Gepflogenheiten. Paul Göhre lässt (1907) in seinem Roman Whiteley den Warenkönig auf die Frage, ob er auch Frauen besorgen könne, antworten: „Ich habe auch Bräute auf Lager.“ Angeblich zwingt der geringe Lohn die Warenhausverkäuferinnen in die Prostitution. Andere Autoren unterstellen den Verkäuferinnen eine Mischung aus Habgier und Langeweile.
Als anfällig für die neue Krankheit „Kleptomanie“ gelten vor allem schwangere Frauen. Der Kriminologe Hans Gross erläuterte 1905: „Wenn wir zugeben, dass sich die Frau zur Zeit der Menses in einem erregteren und minder widerstandsfähigem Zustande befindet, so wird uns auch klar, dass sie dann von den Verlockungen schöner Gewandstücke und sonstigen Tandes leichter überwältigt wird.“ Paul Möbius spricht in seiner Schrift „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (1905) gar von rauschhaften Zuständen, die bei Frauen in Zeiten der Menstruation und Schwangerschaft den Warenhausdiebstahl physiologisch erklären würden. Der Roman „Arbeit“ (1912) von Oscar T. Schweriner beschreibt den Kaufrausch filmreif: „Langsam füllten sich die Räume mit Menschen. Meistens Damen, die gekommen waren, um ‚etwas‘ zu kaufen; – ganz gleich was. Als handele es sich um die Befriedigung irgendeiner sinnlichen Begierde. (…) Wie ein Heuschreckenschwarm überfluteten sie die Gänge.“
Auch in seiner späteren Phase als „Ein-Stunden-Film“ erfreute sich das Kino besonders bei Frauen großer Beliebtheit - die Sorge um den Sittenverfall ließ in der Weimarer Zeit nicht nach. Das Kino wurde für Kriminalität, sexuelle Ausschweifungen und Charakterschwäche verantwortlich gemacht. Die Freiheit der Filmkultur führte schon früh zur Diagnose von krankhafter „Kinosucht“: Kritisiert werden Unnatur, Unkultur, Unmoral der Filme und vor allem „die Darstellung von Sexualität und Verbrechen, die Stimulation der Sinne und die Aufreizung der 'Nerven', sie wenden sich gegen die Präsenz der Frauen auf der Leinwand und im Kino, und sie fordern selbstverständlich den Schutz der Kinder.“ (Schlüpmann) Der frühe Film war ein Medium, dessen Kultur der Kontrolle der ‚Gebildeten’ noch nicht unterworfen war.
Die Tabus der bürgerlichen Moral, Ehebruch und wilde Liebe, Prostitution und Homosexualität beschäftigten die Menschen, es war die Zeit von Sigmund Freud. Der formulierte in seiner Psychoanalyse das grundlegende Unbehagen des Massen-Individuums gegenüber der bildungsbürgerlichen Kultur. Die Psychoanalyse beschrieb die inneren Triebkräfte, die das Individuum in einen Gegensatz zu den Ansprüchen der äußeren sozialen Welt bringen. Während Freud selbst die „Sublimierung“ der Triebkräfte noch als Grundlage für die Kultur des Bildungsbürgertums rechtfertigte, ließ sich mit seiner Analyse auch der Primat des Individuums gegen die sozialen Nomen des Kollektivs rechtfertigen.
Gegen diese ambivalente Frauenkultur in dem frühen Kino richtete sich seit 1909 eine bildungsbürgerliche Kinoreform-Debatte. Victor Noack etwa beschrieb in seiner Streitschrift „Der Kampf um den Kino” 1913 die Gefahren der „Volksvergiftung”, des Realitätsverlustes und der „Sittenkorruption”: „Rasch füllen sich die Bänke mit Arbeitern und Arbeiterinnen, jungen Kaufleuten und Verkäuferinnen, Büro-Angestellten und ihren weiblichen Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, kurzum mit Leuten, deren Lungen doch nach frischer Luft lechzen müssen, deren Augen und Nerven der Ruhe, Ruhe und Ruhe bedürfen. (...) Der Projektionsapparat schnurrt schon wieder, die flimmernden Strahlen ruhen gespenstisch über der schwer atmenden Masse. Die kleine elektrische Taschenlampe des ‚Erklärers’ leuchtet den tappend Hereinstolpernden auf den Weg. Der ‚Spritzenmann’ tritt in Funktion“, er „stäubt ‚Ozon’ (so nennt man - seiner spottend, man weiß nicht wie - das Kientopp-Parfüm) über die Köpfe der Lufthungrigen.”
Der Versuch, die gute Literatur zu verfilmen und das neue Medium der alten Pädagogik unterzuordnen, blieb ohne Erfolg, bis der Militärapparat im Ersten Weltkrieg das neue Medium Film seinen Propaganda-Interessen unterwarf.
Liebe in den Zeiten des Supermarktes oder: Die ganz unmodernen Sozialbindungen der Liebe
Noch um 1800 hatte der in Romanen aufbegehrende Individualismus der Frau zum literarischen Tod der Frau geführt. Immerhin gab es einzelne Frauen wie Olymp de Gouges, die Menschenrechte auch für die Frauen einforderte, also die politische Gleichberechtigung. Das blieb sogar 1791 völlig ohne öffentliche Resonanz. Immerhin machte sie auch Vorschläge zur Abschaffung der Ehe und zur Einführung der Scheidung. Sie vertrat die Idee eines jährlich verlängerbaren Vertrags, der zwischen Lebensgefährten geschlossen wird, und setzte sich für die väterliche Anerkennung unehelicher Kinder ein.
Der erste Versuch, eine gleichberechtigte Liebespartnerschaft zu beschreiben, ist Friedrich Schlegels „Lucinde“ (1799), interessanterweise kein Roman, sondern ein aus literarischen Fragmenten zusammengesetzter Text. Die städtische Warenwirtschaft bringt für die Frauenbilder die Lockerung der ständischen und der familiären Bindung - Freiheit und Individualismus gibt es nur in der Stadt der Fremden. Nur wo nicht mehr Familien sich über die Heirat binden, sondern Einzelpersonen, wo Gemeinschaften nur schwache Bindungen bedeuten, wurde es denkbar, sexuelle Beziehungen von Individuen partnerschaftlich frei auszuhandeln.
Für die vorkapitalistische Realität der Frau, über die in Schriftform vor allem von Männern erzählt wurde, gibt es ein unverdächtiges literarisches Zeugnis - die Pfarrersfrau Margarethe Milow hat kurz vor ihrem Tod 1794 ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben, nicht für eine Veröffentlichung, sondern nur für ihre Kinder. „Lebenslange Tugend-Haft“ ist der Titel dieser Lebensbeichte. Margarethe Milow, 1748 geboren, berichtet von ihrer jugendlichen Zuneigung zu dem jungen Haushaltsgehilfen Octav. Die heimliche Liebe ist Sünde, nicht standesgemäß. „Lange hiess unsre Empfindung Freundschaft, wir wagten nicht, sie Liebe zu nennen“, schreibt Margarethe. Der Vater, der eines der verliebten Gespräche belauscht hat, bestraft sie hart - das Brot wird ihr bei Tisch hingeworfen, der Vater schimpft sie eine Dirne. Ihre Eltern verheiraten sie ohne ihre Zustimmung mit dem armen, aber angesehenen Pastor Milow. Sie fügt sich. Die Ehe bedeutet für sie viel körperliche Arbeit, Geldprobleme, elf Schwangerschaften und etliche Krankheiten. Von ihr wird verlangt, sich - als fürsorgliche Gattin und Mutter - vollkommen zurückzunehmen. Um ihren Mann, einen Hypochonder, muss sie sich ständig kümmern. Sie frisst ihren Kummer in sich hinein. Nur Gott und das Tagebuch wissen davon. 1893 erkrankte sie an Brustkrebs. Zum ersten Mal seit langen Jahren verschafft ihr die Krankheit trotz des Leidens etwas Positives: Ruhe. Die Brust wird amputiert. Doch der Krebs bleibt, sie stirbt. Erst einhundert Jahre später, 1986, wurde zufällig das handschriftliche Original auf dem Dachboden eines Bremer Kaufmannshauses entdeckt.
Keine Ware Liebe, Eva Illlouz!
Warum haben Götter am Anfang der menschlichen Kultur die Rolle übernommen, die Sozialbindungen der Sexualität zu regeln? Offenbar haben die menschlichen Herrscher sich überfordert gefühlt und Unterstützung eingefordert, göttliche Gebote. Jede Stammes- wie die Standesgesellschaft hat strenge Regeln für legitime Sexualität gehabt. Die Wahl der Sexualpartner schafft Gemeinschaftsbindungen und bündelt wirtschaftliche Interessen. Die Scheidung solcher Bindungen führte zum Streit und gefährdet die Gemeinschaft. Wie das Land wurde die Verfügung über die Frau in Kategorien des Besitzes geordnet. Romantische Liebe gab es in den Hochzeitsliedern, das heißt als literarische Fiktion, solche Freiheiten hatten in der Praxis nur Besitzlose.
Die moderne Liebe werde wie eine Ware behandelt und gehandelt, polemisiert Eva Illouz. Der Kapitalismus sei schuld: Ausgangspunkt ist die Annahme, dass moderne Subjekte heute bei der Anbahnung von intimen Beziehungen genauso vor der Wahl stehen wie bei der Anschaffung eines Konsumgutes. Potentielle Partner erscheinen im Überfluss im Blickfeld und auch die Konkurrenz ist groß. Die Akteure sind unsicher über den eigenen Wert auf dem Beziehungsmarkt und den des anderen. Das Internet verführt mit seinen Dating-Apps dazu, ratlos vor der Fülle attraktiver Möglichkeiten zu verharren - Fomo, „fear of missing out“ führt zu Gelegenheitssex und flüchtigen Beziehungen, die keine weitere Bindung bedeuten sollen. Eva Illouz scheint die Geschichte der Liebe nicht zu kennen. War das nicht bei jedem vormodernen Dorffest auch so? Auch auf dem Kirchtag gab es Pornografie und Gelegenheits-Sex und das geheuchelte Versprechen einer heiligen „katholische Ehe“, durcheinander und nebeneinander. Und was wäre oder war die Alternative? Hochzeit nach den ersten flüchtigen Kuss? War die vormoderne lebenslange monogame Bindung besser? Taxiert wurden potentielle Liebespartner auch vor der Warenproduktion, besungen wurde die Schönheit der Frauen, ihr Reichtum und - bei Männern - ihre Körperkraft und ihr Mut. Im Arbeitsalltag der Männer und Frauenbilder war wahre Liebe die Ausnahme. Ehrbar, fleißig und fruchtbar musste die Ehefrau sein, nicht sexy.
Liebesbeziehungen sind viel komplizierter als Warenbeziehungen.
Liebe ist nicht Ware. Ware lässt sich horten, auf Vorrat kaufen, benutzen. Nur die körperliche Sexualität lässt sich wie eine Ware behandeln. Die medialen Bilder perfekter jugendlicher Schönheit sollen locken, aber die gealterten Frauen und die „armen“ Männer sind keineswegs entsorgte Liebespartner. In ihrem realen Bindungsverhalten sind Menschen erstaunlich realistisch, trotz aller Faszination der Jugend und der Warenästhetik.
Körperliche Sexualität, gegenseitige Sorge und die Rituale des Alltags sind austauschbar, waren es immer. Immer gab es aber auch, bei entsprechender Gelegenheit, die romantischen Phantasien, in denen die Einzigartigkeit einer Liebesbeziehung betont und beschworen wurde. Wenn die kommunikativen Muster der romantischen Liebe Stereotype sind, dann zeigt das nur, dass keine individuelle Sprache zu Verfügung ist, um die empfundene Sinnlichkeit einzigartig auszudrücken.
Vor allem in der medial gespiegelten Phantasie erhebt sich über der nüchternen, austauschbaren Beziehung die einzigartige romantische Liebe. Die Psyche ist nicht zu befriedigen mit pragmatisch konsumierbaren Wegwerf- und Waren-Beziehungen, sie will Bindung, Treue auf immer, vollkommene Einzigartigkeit und Exklusivität. Waren kann man verleihen, romantische gebundene LiebespartnerInnen niemals.
Die Ablösung der ständischen Strukturen des sexuellen Austausches durch die Freiheit des Individuums auf dem Markt der Beziehungen hat nicht zum Verblassen der vollkommen unkapitalistischen romantischen Liebes-Phantasien geführt. Nach wie vor gilt, dass man mit dem Verstand heiratet, aber sich mit dem Herzen verliebt.
Siehe auch meine Blog-Texte Die Frauenfrage um 1900 MG-Link Sexuelle Befreiung - gescheitert MG-Link Konsumismus MG-Link Macht des Konsums MG-Link Konsum statt Arbeit MG-Link Soziologie der frühen Massenpsychologie MG-Link Massenpresse - Medialisierung der Zivilgesellschaft im 19. Jahrhundert MG-Link
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