Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

2 AS Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie
ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
ISBN 978-3-7375-8922-2

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
ISBN 978-3-746756-36-3

POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

cover KMB 230

Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 

Die sexuelle Befreiung - gescheitert

2026

Das 20. Jahrhundert sollte das der „sexuellen Befreiung“ werden, jedenfalls in den USA und in Europa. Psychoanalyse und Sexualforschung kritisierten die überkommene repressive Sexualmoral. Die 1960er/70er Jahre brachten mit der Erfindung der Pille, der Hippie- und der Frauenbewegung tiefgreifende Veränderungen in den gesellschaftlichen Normen rund um Sexualität, Ehe und Familie und befreiten die Sexualität von Fortpflanzung und Ehe.

Wilhelm Reich hat den Begriff der „sexuellen Revolution" erfunden. 1936 veröffentlichte er das Buch Die Sexualität im Kulturkampf“, das 1945 in englischer Sprache als „Die sexuelle Revolution“ erschien. Darin kritisiert er die Unterdrückung natürlicher Sexualität durch autoritäre Strukturen wie Familie, Staat und Kirche. Reich war Schüler von Sigmund Freud.

Das Thema der sexuellen Befreiung hat viele Vorläufer. Der Aufklärer Julien Offray de La Mettrie erklärte, dass Lust und körperliche Begierden natürliche Funktionen der „Maschine Mensch" (1748) seien. De La Mettrie kritisierte den Monogamiezwang, die Schuldgefühle der christlichen Moral seien Hindernisse für wahres Glück. Er propagierte freie Sexualität als Weg zu Wollust und Selbstverwirklichung. De La Mettrie musste seine Texte unter Pseudonym veröffentlichen, er hatte nur wenig Resonanz.
Charles Fourier propagierte 50 Jahre später in „Théorie des quatre mouvements" (1808) die freie Liebe. Er forderte die Gleichberechtigung der Geschlechter, die soziale und sexuelle Revolution und.
Sigmund Freud wiederum 50 Jahre später enttabuisierte Sexualität durch die Psychoanalyse, betonte aber Sublimierung statt freier Entfaltung. 

Den intellektuellen Überbau für die „sexuelle Revolution“ im 20. Jahrhundert haben zwei 1933 emigrierte jüdische Intellektuelle geliefert. Wilhelm Reich (1897-1957) hat bereits in den Zwanzigerjahren als Psychiater und Sexualwissenschaftler die Kapitalismuskritik von Karl Marx und die Psychoanalyse von Sigmund Freud studiert und in seiner Schrift „Die Funktion des Orgasmus“ 1926 Freud widersprochen: Unbefriedigte Sexualität, so Reich, sei nicht als Sublimation die Grundlage der Kultur, sondern hemme die kulturelle Leistung eines Menschen. Autoritäres, obrigkeitsgläubiges Verhalten sei die Folge von „Charakterpanzerungen“. Charakterpanzerung entsteht vor allem in der Kindheit, wenn starke Gefühle (z.B. sexuelle Neugier, Wut gegen die Eltern) nicht ausgelebt werden dürfen und deshalb verdrängt werden.​ Reich erklärte später, in der Unterdrückung der Sexualität liege die Grundlage für die „Massenpsychologie des Faschismus". 

Der andere Theoretiker ist Herbert Marcuse (1898-1979), ein wichtiger Vertreter der Frankfurter Schule. Sein Buch „Eros und Kultur" von 1955 (dt. 1957, später unter dem Titel „Triebstruktur und Gesellschaft“) stand zehn Jahre später in jedem Bücherregal bei den rebellischen Studenten. Eine befreite Sexualität, so Marcuse, habe entscheidende Bedeutung für die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft. Gleichwohl hatte Marcuse leise Zweifel an der Idee herrschaftsfreier, humaner Sexualität formuliert: „Die Vorstellung von einer nicht-repressiven Triebordnung muss in erster Linie an dem ‚ordnungslosesten‘ aller Triebe – der Sexualität nämlich – geprüft werden. Eine repressionsfreie Ordnung wäre nur möglich, wenn es sich erweist, dass die Sexualtriebe, kraft ihrer eigenen Dynamik und unter veränderten sozialen und Daseins-Bedingungen, imstande sind, dauerhafte erotische Beziehungen unter reifen Individuen zu stiften.”

AAO oder: „Am Friedrichshof ist die sexuelle Revolution gescheitert“

„Am Friedrichshof ist die sexuelle Revolution gescheitert“, schrieb Isolde Charim zum 85. Geburtstag von Otto Mühl. Anlass war eine Ausstellung im renommierten Wiener Leopoldmuseum im Jahre 2010, mit der Otto Mühl als Künstler rehabilitiert werden sollte. Mühl, ein Anhänger von Wilhelm Reich, hatte bis 1997 sieben Jahre in Strafhaft verbracht, verurteilt wegen Unzucht und Beischlaf mit Unmündigen, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses und Vergewaltigung eines vierzehnjährigen Mädchens. Bei der Ausstellungseröffnung wurde eine schriftliche Entschuldigung von ihm verlesen.
Aber noch 2004 hatte er trotzig öffentlich erklärt: „Warum sollte der Staat vorschreiben, ab wann man Sex haben darf". Mühl-Opfer aus der „Aktionsanalytische Organisation“-Kommune protestierten gegen die Ehrung als Künstler mit dem Argument, bei Otto Mühl sei „eine Trennung vom Leben des Künstlers und seiner Kunst nicht möglich.“ Mühl hatte immer seine „AAO“-Kommune als Kunstwerk bezeichnet. Es war geplant, auch Kinderbilder von ihm auszustellen – Bilder von missbrauchten Jugendlichen, teilweise nackt und in sexuellen Posen, die er während der Entstehung in seinem Atelier missbraucht hatte. Für seine sogenannten „Aschebilder“ hat Mühl Ende der 80er Jahre auch die Asche aus verbrannten Tagebüchern benutzt – Tagebücher von Mitgliedern der der „Kommune Friedrichshof“, die er ohne Zustimmung verbrennen ließ, auch um Beweise in dem Verfahren gegen ihn zu vernichten.

Die Mühl-Kommune, die auf ihrem Höhepunkt rund 600 Mitglieder Anhänger hatte, ist ein krasses Beispiel für totale Befreiungsexperimente, die in totaler Unfreiheit enden. Wenn „Revolutionen“ in wenigen Jahren eine gesellschaftliche Lebenskultur radikal ändern wollen, müssen sie scheitern. Wenn man die „sexuelle Revolution“ als einen Jahrhundertprozess begreift, war sie erstaunlich wirkmächtig. Die Radikalität der Mühl-Kommune und anderer Experimente macht dabei besonders deutlich, wo sexuelle Befreiung an Grenzen stößt. Gescheitert ist die sexuelle Revolution bisher vor allem, wo sie die Paarbindung „überwinden“ wollte. Erfolgreich war die „sexuelle Revolution“, wo sie den Anspruch formuliert hat, dass Sexualität lustorientiert gelebt werden sollte. Von ehelichen Pflichten spricht kaum noch jemand, Keuschheitsnormen und die Tabuisierung von Homosexualität wurden im 20. Jahrhundert aufgebrochen.​

Ermutigung zur Sexualität

Ein Pionier in diesem Veränderungsprozess war Martin Goldstein. Von 1969 bis 1984 war er als „Dr. Sommer" der Kolumnist der Jugendzeitschrift BRAVO und erklärte Jugendlichen - 15 Jahre nach Oswald Kolle - dass Sexualität etwas Normales ist. Seine Kolumne sollte, wie er selbst sagte, eine „Ermutigung zum Erleben der Sexualität“ sein. An sie Stelle der „Aufklärung“ über die Gefahren der Sexualität wollte er „eine sexuelle Einweihung“ setzen.   

Am Anfang der sexuellen Befreiung stand die Auflösung der alten sozial und religiös integrierenden Leitbilder, die dem Liebesleben mit der Ehe ihren „Sinn“ gegeben hatten. Ehe und Familie waren über Jahrtausende in erster Linie soziale Institutionen, mit denen gesellschaftliche Bindungen, Pflichten und Rechte geregelt wurden. Individuelle Freiheit bedeutet Freiheit von den Erwartungs- und Verhaltensmustern, die ein Leben lang binden konnten. Mit der Individualisierung der Lebens- und Arbeitswelt schwanden die Traditionen und auch die Sicherheiten.  Die romantische Idee der Liebe, wie sie etwa Friedrich Schleiermacher anonym in seinem „Katechismus der Vernunft für edle Frauen“ 1798 formuliert hat, rief den Frauen zu: „Du sollst keine Ehe schließen, die gebrochen werden müßte“ und „Du sollst nicht geliebt sein wollen, wo du nicht liebst“. Dahinter stand die Erwartung, es könne eine stabile lebenslange Bindung auf Basis der „Liebe als Passion“ geben.

Marcuse hatte daran Zweifel formuliert, aber diese später als „Guru“ der Studentenbewegung nicht mehr aufgegriffen. Das Experiment, das in der 1968er Revolte unter dem unbekümmerten Motto der „freien Liebe“ gemacht wurde, hatte ein eindeutiges Ergebnis: „Dauerhafte erotische Beziehungen unter reifen Individuen“ lassen sich nicht durch eine wie auch immer frei und „human“ gestaltete Sexualität stiften. Auch die von Wilhelm Reich bis Herbert Marcuse verbreitete Hoffnung, dass von sexueller „Charakterpanzerung“ befreite Menschen weniger autoritär und solidarischer sein würden, hat sich nicht erfüllt. Die „freie“ Sexualität wurde durch Konsumlogik, Pornografisierung und Datingplattformen marktförmig eingebettet. Sexualität wurde enttabuisiert, aber die Liebe gehört zur Sphäre der Kultur und verlangt nach existentieller Zweier-Paarbindung und Dauer. 

Partnerwechsel, nichteheliche Beziehungen und die Scheidungs-Raten haben nach 1968 weiter zugenommen, aber das Grundmodell der Zweierbeziehung blieb bestehen und wandelte sich eher zu Kultur der „seriellen Monogamie“, mit punktuell polyamorösen Formen als „Seitensprung“. An die Stelle strikter Kopplung von Liebe, Exklusivität und Haushalt treten Patchwork- und Mehr-Eltern-Konstellationen – und das Leiden an den zerbrochenen Zweierbeziehungen. Bei aller Begeisterung für Liebe und Partnerschaft zeugen die Eheverträge von den Zweifeln, dass die emotionale Intimität die Paarbindung dauerhaft trägt.

In der Welt des Konsums ist es normal, beim Kauf eines Objektes seine Entsorgung mit zu bedenken. So werden profane Eheverträge nicht mit dem Motto „bis dass der Tod uns scheidet“ versehen, sondern mit Regelungen für den Scheidungs-Fall. Statt sich unsterblich zu verlieben hat man „Beziehungen“ mit Lebensabschnitts-Partnern. Statt Verschmelzung lebt man „apart together“. Und die wilde Lust, die an dem anderen vor allem das genitale Sexualobjekt sucht, wird von der digitalen Porno-Industrie bedient. Aber dennoch - auch die Urlaubslandschaften sind geprägt von händchen-haltenden Pärchen, auch wenn sie sich langweilen oder angiften. Auffallend ist, wie sehr heutige Hochzeitsfeiern mit Liebeskitsch aufgeladen werden, hilflose Ausdrucksformen einer tiefen Sehnsucht nach Lebensglück. Schlagertexte drücken in ihr Naivität offenbar am besten das heimliche Begehren aus.

Suche nach Transzendenz

Es geht um mehr als eine Gefühls- und Freizeitgemeinschaft, um mehr als die Angst vor dem Alleinsein. Wenn die Traditionen und die materiellen Bedingungen das Paar nicht binden, bleibt für das „gemeinsame“ Leben der Partner um seiner selbst willen – das ist die Idee der romantischen Liebe, die mehr sein will als ein im Ansatz egozentrisches Vehikel eigener Selbstverwirklichung. Eine Liebe muss wechselseitige individuelle Ansprüche auf Selbstverwirklichung erfüllen, wenn sie eine Paarbeziehung dauerhaft tragen soll.

Offenbar suchen Menschen in ihren Sexualpartnern ein Du, das Akzeptanz, Resonanz, Geborgenheit, Verständnis verspricht. Etwas, das die realistischen, pragmatischen und alltäglichen Erwartungen an eine Beziehung transzendiert. Eugen Drewermann hat in diesem Zusammenhang auf die alte göttliche Formulierung verwiesen: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt“, Mann und Frau sollten „ein Fleisch“ werden. Ursprung der Liebesfähigkeit sei zunächst die Elternliebe, und das ist eine Liebe voller Abhängigkeit. Liebende, so der Psychoanalytiker Eugen Drewermann (geb. 1940), würden „zunächst gar nicht den anderen, die andere suchen, sondern vielmehr das Gefühl der Geborgenheit, das sie als Kinder in der Liebe der Eltern gefunden haben“. Dieses Bedürfnis wollen sie auf den Geliebten übertragen. Der Partner soll alles sein und Sicherheit geben – als Partner fürs Leben. Dieses Transzendieren bezieht Drewermann auf eine möglicherweise „unsichtbare“, quasi-religiöse Bindung. Schon Thomas Luckmann hatte (1963) auf „Die unsichtbare Religion“ aufmerksam gemacht – transzendente Bedürfnisse ohne Kirchenzugehörigkeit. Luckmann verstand Religiosität anthropologisch als das menschliche Bedürfnis, leibliche Grenzen zu transzendieren und durch Kommunikation Ich-Du-Gemeinschaften im Alltag zu erleben.

Moderne Individuen basteln sich ihre ganz persönliche Erzählung für die Bedürfnisse nach Sinn – und Transzendenz. Das religiös begründete Sakrament scheint nicht mehr überzeugend: In der Geschichte der Ehe hat die religiöse Transzendierung der Partnerschaft nicht das Glück vermehrt, sondern eher ökonomische Zwangsgemeinschaften spirituell kaschiert.

Der Lächeldialog der Liebe

Um Liebe begründen zu können, muss die Objekt-Beziehung der Sexualität in eine höhere, kultivierte Idee eingebunden werden, in etwas Symbolisches, in etwas Gedachtes, Heiliges. Der Mensch transzendiert seine leibliche Existenz aber nicht nur mit seinen Gedankenflügen, sondern auch oder vor allem in der Resonanz mit dem Nächsten. Darin sucht er Bestätigung seiner Besonderheit, seiner Einzigartigkeit, seiner Bedeutung. Über das sexuelle Glückserleben erhebt sich eine Liebesbeziehung mit geistigen Lächeldialogen. „Indem wir uns … in Lächeldialogen begegnen, erleben wir uns wechselseitig freudig-freundlich wahrgenommen und damit auch in unserem Sosein angenommen“, so hat Eckhard Schiffer 2011 den Begriff der Lächeldialoge in die Beschreibung der emotionalen Entwicklung des Kindes eingeführt. Aber Lächeldialoge gibt es auch unter Erwachsenen.
Der Philosoph Hermann Schmitz hat auf den Unterschied zwischen dem Satz „Ich liebe dich“ und „Peter liebt dich“ hingewiesen: „Peter“ ist ein Mensch voller Selbstzuschreibungen, das „Ich“ artikuliert dagegen die „primitive Gegenwart“. Schreck, Angst, Schmerz, Hunger, Durst, Wollust, Frische, Ekel, Müdigkeit sind Formen der leiblichen Kommunikation, spontan und unkontrollierbar, und das ist die emotional grundlegende Kommunikation der „primitiven Gegenwart“. Schmitz wendet sich gegen die Tradition der griechisch-europäischen Philosophie, die diese Wahrnehmungen der primitiven Gegenwart als „Seele“ wie ein Körperorgan auslagern will aus dem Leib. Körper und Seele sind eins im Leib, in der primitiven Gegenwart sind die Momente des „hier“, „jetzt“ und „ich“ identisch verschmolzen und können sich in leiblicher Kommunikation vermitteln. Erst in dem sprachförmigen Bewusstsein werden diese Momente differenziert, wird der „Körper“ – der soma, der tote Leib – von dem göttlich-lebendigen Leib getrennt. Mit seinem Bewusstsein gibt der Menschen sich und der Welt eine Struktur, interpretiert sich und kommuniziert in satzförmiger Rede, medial vermittelt, nicht mehr unmittelbar leiblich. Aus der primitiven Gegenwart, dem Augenblick des unbeschreiblichen plötzlichen Betroffenseins, wird eine Folge beschreibbarer Augenblicke mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit Ursachen und Folgen, mit Erinnerung, Erwartung, Furcht, Hoffnung, Planung, Phantasie – eben eine durch Bewusstsein interpretierte Welt, in der das „Ich“ als ein Objekt erscheint und neben anderen aufgereiht werden kann.
Die „primitiven Gegenwart“ der Sexualität gehört ganz zu der Sphäre des Leiblichen. Damit daraus Liebe wird, bedarf es der Resonanz und der kommunikativen Kultur, bedarf es nach der sexuellen Befreiung einer neuen Qualität der Bindung. Eine Liebe muss wechselseitige individuelle Ansprüche auf Selbstverwirklichung erfüllen, wenn sie eine Paarbeziehung dauerhaft tragen soll.

Freiheit und Narzissmus

Den Verlust der traditionellen Gemeinschafts-Bindungen erlebt der aufgeklärte Mensch als Gewinn von Freiheit, er begreift sich als „freischwebendes Subjekt“, als „Ich” ohne „Wir”. Dieses Subjekt hat sich aus seinen symbolischen und kulturellen Bindungen befreit, es hat die Freiheit gewonnen, sich kulturell in neuen Bedeutungszusammenhängen zu orientieren und beliebig und befristet zu binden.

Der Verlust des Gemeinschaftssinns betrifft auch die Hausgemeinschaft (oikos): Zumindest zeitlich „flexibel“ wird der Mensch auch im Hinblick auf persönliche Bindungen, die binden nur für „Lebensabschnitte“. Familie ist Kleinfamilie zum Zwecke der Aufzucht der unmündigen Kinder, die pragmatische Ehe muss also maximal 15 Jahre halten, auch wenn Eheverträge keine Ablauf-Fristen haben. Familie ist nicht mehr prioritär ein unkündbarer Generationenzusammenhang, dessen Bindungen von dem Gedanken leben, der Mensch könne in seinen Kindern fortleben. Die Phasen der intensiven Sorge für Kinder müssen in die Karriere passen, Kinder werden geplant, quasi eingeschoben. Es gibt ansonsten nur das Hier und Jetzt, der moderne, freischwebende und flexible Mensch sorgt sich um seine Gesundheit, um seine Konsum-Chancen und um die hedonistische Gestaltung seiner Freizeit.

Der medial vermittelte Bilder-Konsum liefert das Reservoir auch für die Muster der Liebe. Der Preis der Freiheit des Konsumismus ist die schwache Bindung - ich kann den Job genauso wechseln wie das Rasierwasser oder die LebensabschnittspartnerIn. Dieser vereinzelte Mensch entwickelt eine narzisstische Subjektivität, seine Identität entfaltet sich im individualistischen Konsum. Der Konsumfetischismus der Moderne prägt auch das Verlangen nach erotischer Verschmelzung mit einem anderen Körper. Das narzisstische Subjekt erlebt in den projizierten Bildern das eigene Selbst.

Erotische Bindungen haben in der Geschichte immer das Potential gehabt, die Gemeinschaftsbindungen zu sprengen. Die Literatur ist voll davon. Der Klassiker ist die antike Geschichte von Pyramus und Thisbe: Ein babylonisches Liebespaar, das sich aufgrund der Feindschaft  ihrer Eltern nicht sehen darf. Von Ovid bis Shakespeare wurde die Geschichte immer wieder erzählt – weil sie offenbar ein reales Problem zur Sprache bringt.

Auch in der Gesellschaft des Konsumismus haben erotische Bindungen das Potential des Ausnahme-Zustandes. Auf den ersten Blick scheint das konsumistische Angebot für die Liebessehnsucht erfolgreich zu sein. Aber im Vergleich zum Urlaubsmarkt oder zum Automarkt scheint der Beziehungs-Markt mühsam, von viel Scheitern geprägt. Es reicht eben nicht, wenn Alter, BMI und Hobbies zusammenpassen. Menschen suchen mehr als sexuelle Befriedigung, mehr als den Austausch von Gefälligkeiten. Sie streben nach einer intensiven und langfristigen Liebes-Bindung, die auf Intimität und Exklusivität basiert und aus der das Du einen Lebens-Sinn beziehen kann. Im Spiegel des Anderen kann das Ich sich als besonderes Subjekt spüren und begreifen. Die langfristige Paarbindung ermöglicht eine Intensivierung der emotionalen Sensibilität gegenüber einer bestimmten Person. Aus der Erotik entsteht ein Bewusstsein der Subjektivität des Anderen – und spiegelbildlich der eigenen Subjektivität. Wenn ich eine exklusive Beziehung zu dem Anderen aufbaue, vertraue ich darauf, dass ich für den anderen exklusiv bin. Die liebevolle Wahrnehmung des Anderen, die Sorge für das, was der andere fühlen und beabsichtigen könnte, führt zum Gefühl eines weitreichenden gegenseitigen Verständnisses. In der Erfahrung der Erotik kann aus dem narzisstischen „Ich“ ein zweisam gebundenes Wir-Ich werden. Die erotische Intimität wird dann zu einer Quelle des menschlichen Selbstbewusstseins von tieferer Individualität. (Ferdinand Fellmann) Dies kann erklären, dass Paare nach langen Jahren große gegenseitige Zuneigung und Verständnis verspüren, auch wenn die erotische Anziehung nachgelassen hat und die Geschichten alle mehrfach erzählt sind.